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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Von nicht ausgegebenem Fleisch und Fett gar nicht zu reden. Aber diese Verhältnisse engten eben doch den Nahrungsspiel­raum des Gefangenen verderblich ein. Wer nichts zuzusetzen hatte, der fiel im Gewicht erschreckend ab. Endlich also konnte mir meine Frau Wäsche und einen kleinen Verpflegungs­zuschuß bringen.

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Ein merkwürdiger Wandel hatte sich auch vollzogen in der Gesellschaft, die jetzt das Polizeigefängnis bevölkerte. Jede Razzia der Polizei brachte einen neuen Haufen höchst zwei­felhafter Gestalten herein. Viele Ausländer waren darunter, die aus den verschiedensten Werken der Stadt und ihrer Um­gebung geflohen waren, sich illegal in der Stadt aufhielten und vom Schwarzhandel lebten. Sie blieben meist nicht lange hier. Einer von denen, die aus unerfindlichen Gründen einen Daueraufenthalt im Polizeigefängnis nahmen, war mein Freund Vanouek, ein Tscheche aus Brünn . Er war beim Glücksspiel in einer Wirtschaft des Ostens aufgegriffen worden mit einem größeren Geldbetrage in der Brieftasche, den die Polizei be­schlagnahmt hatte. Gegen diese Beschlagnahme hatte er törich­terweise Verwahrung eingelegt. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß man ihm sein sauer erpokertes Geld abnehmen könne. Vielleicht hing es damit zusammen, daß man ihn da behielt. Vielleicht auch damit, daß er eine Wohnung nicht an­zugeben wußte. Er lebte damals, wie er mir vertraulich mit­teilte, illegal' mit Frau und Kind in der Mittelstraße, und er war immer guter Dinge. Wie alle Tschechen verlegte er das Ende des Schreckens immer auf den nächsten irgend mög­lichen Termin- und die Zeit wurde ja nun wirklich mit er­schreckender Geschwindigkeit reif. Seine Prognosen_gewannen also von Tag zu Tag an Glaubwürdigkeit. Bei dem Luftangriff am 27. Februar gelang ihm die Flucht aus dem Polizeigefäng

nis.

Nach etwa fünf Wochen Zellenhaft, die in ständig wech­selnder Gesellschaft nie langweilig wurde, gestattete die Ge­ stapo meinen Arbeitseinsatz im Hause, und ich wurde an den Schreibtisch in der großen Halle gesetzt, wo ich zunächst allerhand kleine Hilfsarbeiten verrichtete. Hier saßen Blumena thal und Moser, die die täglichen Zu- und Abgänge bearbeite­ten. Nach einigen Tagen der Einarbeitung wurde ich ihrem Geschäftsbereiche zugeteilt. Auch der Schreiber des Gefängnis­

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