Der Studienrat, der zu Richard Löwenherz von der besonderen seelischen Lage des Zuchthauses und dem Vertrage mit dem Tode orakelt hatte, bei Gott, er schien doch recht zu haben. Meine Lage in der Polizeibaracke des Ersatzgefängnisses in der Riebeckstraße war sicherlich viel unangenehmer als etwa ein gemütlicher Tag in der Bibliothek des Zuchthauses. Aber sie war belebt von Erwartungen. Ich war nach, ordnungsgemäßer Verbüßung' meiner Strafe ein unbescholtener, wider Recht und Gesetz von Banditen festgehaltener Bürger in Zivilkleidung. Man konnte mich erschießen, gewiß, aber nicht wieder in Sträflingskleider stecken. Die Zuchthausuniform trug auf Beiderwandjacke und-hose in gelber Oelfarbe die Riesenbuchstaben I. V. Das sollte, Justizverwaltung abkür zen, um im Falle der Flucht den Sträfling sofort als Zuchthäusler kenntlich zu machen. Wir lasen lachend: ,, Irrtümlich Verurteilt!", Man konnte nicht', ist natürlich zu viel gesagt. Man konnte mich z. B. nach Buchenwald verfrachten und mir dort eine Zebrauniform anmessen. Aber das war nicht wahr scheinlich. Erstens waren die Transportverhältnisse schwierig. Zum andern aber: Meine alte Freundin Grete Manke, die viele Jahre als Altistin an der Berliner Staatsoper gewirkt und sich später mit Oberstaatsanwalt Protze verheiratet hatte, war, das. wußte ich, in meiner Sache bei Generalstaatsanwalt Jung ges wesen, der ihr zugesagt hatte, meine Ueberweisung in ein Lager von seiner persönlichen Zustimmung abhängig zu machen. Also hatte ich Aussicht, im Polizeigefängnis zunächst festen Boden unter den Füßen zu haben
Fünf Tage lang kümmerte sich bei dürftigster Verpflegung keine Seele um mich. Täglich wechselten in dem schmalen Bretterverschlage, der sich Zelle schimpfte, fünfzehn bis dreißig Menschen, strömten neue Gesichter von allüberall her zusam men, um am nächsten Tage wieder auseinander geweht zu werden nach allen Richtungen der Windrose. Ich wurde zum ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht. Ein gemütlicher Kalfaktor so was gab es sogar hier, wo keines Menschen Bleiben länger als eine Woche war erklärte mir den Film. ,, Du bist zu rasch gereist", sagte er ,,, deine Papiere sind von Coswig noch nicht da. Vielleicht bist du auch ein paar Tage vor dem offiziellen Entlassungstermin dort abgegangen, und die Papiere gehen natürlich termingemäß zur Post. In Leip
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