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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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Schornstein gejagt!" Er kannte auch ein langes Lied vom Mas­senmord, das im Lager umging, und das einen Kehrreim hatte mit der Wendung: Zum Tore hinein, zur Esse hinaus, das ist der Auschwitzer Nazigraus!' oder so ähnlich. Der

Mann war mir unheimlich.

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,, Hast du nicht Sorge, daß dich mal einer verzinken könnte, wenn du so was verbreitest?" sagte ich zu ihm. Da lachte er und meinte:

,, Das, was ich hier erzähle, das wird ja ganz offen betrieben. Es liegen die klaren Mordbefehle vor. Wenn die Deutschen später einmal sagen sollten, sie hätten davon nichts gewußt, dann wird ihnen das kein Mensch in der weiten Welt glau ben. Es sind zu viele, die damit zu tun gehabt haben. Von denen, die für diese Befehle verantwortlich sind, wird keiner leugnen können."

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,, Halt bloß die Fresse!" sagte der Soldat gutmütig zu ihm. Wenn sie spitzkriegen, daß einer solche Schweinereien weiter­erzählt, dann sagen sie: Beweise! Und dann stehst du da mit dem gewaschenen Halse und weißt nicht, woher du einen Zeu­gen kriegst!"

Der Arzt verstummte, und das Gespräch nahm eine andere Wendung.

,, Die Polen werden auch schon munter", plauderte der Feldwebel unbekümmert weiter., Gelegentlich schneiden sie mal einem Posten den Hals ab. Aber wenn so was vorkommt, dann lassen wir uns natürlich auch nicht lumpen. Es geht eben, wie es geht. Einem von der Bahnpost, der sich im Post­wagen mal eine Polin vornehmen wollte, dem hat das Frauen­zimmer...! Mit einem Küchenmesser! Mensch, das müssen Gefühle sein! Er hat sich verblutet, bei der Operation ohne Narkose, und das Mädel ist entkommen. Wenn mir so was passierte, ich würde sie bestimmt vorher um die Ecke brin gen. Wenn wir die erwischt hätten, wir hätten sie...!"

Ein Ungar gesellte sich zu uns, der vorzüglich deutsch sprach. Er war unter der Anklage der Sabotage auf dem Wege zu irgend einer Verhandlung, von der kein Mensch wußte, ob sie wirklich einmal stattfinden würde. Er berichtete von den Luftangriffen auf Budapest grausige Dinge. Ja, damals SO kurz vor dem Zusammenbruch war für mich die völlige Zerstörung einer Stadt noch immer etwas Unfaßbares. Magde­

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