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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Auch ein Alter? Ich bin schon seit vierzig im Karussell. Es ist mir aber bis dato leidlich gegangen. Immer in der Küche.

Und jetzt?

Weiß nicht. Wahrscheinlich Buchenwald .

Alsdann Hals- und Beinbruch!

Danke dito. Auch politisch?

Natürlich.

Noch zwei Monate. Dann ziehen wir diesen Schweinen die Haut lebendig vom Leibe!...

Ich weiß nicht, ob es das Bewußtsein war, nicht mehr ‚Zuchthäusler zu sein, oder die etwas milderen Transport» begleiterscheinungen, unter denen sich diese Reise vollzog wir kamen in einer fast weihnachtlich gehobenen Stimmung am Abend des 22. Dezember in Magdeburg an und wurden im Polizeigefängnis vergleichsweise menschlich empfangen. Die Verteilung auf die Transportzellen, die natürlich schon zum Brechen voll waren, ging ganz ohne Schimpferei und die üb» lichen Drohungen mit Gewalttätigkeiten vor sich. Dafür aber war dieser Einzug ins neue Heim so dachte man eben, wenn man die Gewißheit einiger Tage Aufenthalt hatte; und daß wir vor dem dritten Weihnachtsfeiertage nicht weitergeschoben werden würden, das war uns längst klar getragen von einem Gefühle, das jeden Gefangenen seltsam belebt: Hier wird man Neuigkeiten erfahren! Gewiß, im Zuchthause hatten wir den englischen Sender gehabt. Aber die unmittelbare Berührung mit Menschen, die anderswo Erfahrungen gesammelt hatten, das hatte gefehlt. Nun also kam ich in die Gesellschaft von dreißig Gefangenen, die aus allen Teilen Deutschlands und der Nachbarländer zusammengeströmt waren, die sich in verschie= denen Sprachen miteinander verständigten, und die Gefängnis, Zuchthaus und Konzentrationslager der verschiedensten Art aus eigener Anschauung kannten...

In dieser Transportzelle also waren etwa zwanzig Auslän- der Tschechen, Franzosen, Ungarn , Rumänen, Ukrainer , Litauer, Belgier und sogar ein Inder mit einem Dutzend Wehrmachtsangehörigen zusammengewürfelt worden. Die letz= teren nannten sich selbst: ‚Abteilung für Urlaubsüberschrei- tung. bis Fahnenflucht. Zum ersten Male kam ich hier mit Männern zusammen, die dem Kriege durch einen höchst privaten Vertrag mit dem Schicksal ein Ende gemacht hatten...

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