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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
225
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Kraft gesetzt wurde, wurde es zwar nicht zumGrund, aber doch zum Anlaß meines Ausscheidens aus dem Dienste der Landesverwaltung. Was hätte wohl mein kluger Freund von Dreikönigs-Gnaden zu alledem gesagt? Gewiß dieses:

‚Die Tugendhaften sind es, die wir fürchten müssen. Sie wachen mit der Sittenstrenge eines Robespierre darüber, daß mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird, was sich ihren Vorstel- lungen vom Inhalte der Vokabeln ‚völkisch und ‚militari- stisch nicht unterordnet. Was meinen Sie wohl, was Lessing bei der Prüfstelle des Berliner Magistrats für Schwierigkeiten mit seiner ‚Minna von Barnhelm gehabt hättel Das ist gar nicht auszudenken. Die Tugend der in diesem Satyr= spiel agierenden Männer und Frauen ist eben doch kein leerer Wahn, sondern ein mildernder Umstand. Bes greifen Sie das nun? Und also, lieber Freund, vergessen Sie den Dank nicht, den Dank an alle diejenigen, die sich An- spruch auf ihn erworben haben. Die Tugendhaften waren es, die Sie von der Bürde eines Amtes befreiten; eines Amtes, das Sie, wenn ich Sie richtig einschätze, in allen Nähten drückte. So wurden Sie wieder ein Mensch, der vom Urteil und nicht mehr vom Vorurteil lebt, und'nur so wurde Ihnen die Zeit, Ihre Erinnerungen niederzuschreiben!! So etwa hätte der gute Dr. Kaspar Melchior Balthasar gesprochen, wenn ihm das Schicksal noch ein paar Jahre des Lebens im Lichte der neuen Zeit vergönnt hätte, und ich hätte ihm mit gutem Gewissen nicht widersprechen können...

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In diesen Tagen hatte ich Zeit. Drei bis vier Stunden etwa brauchte ich zur Ordnung meiner Bücherei und zur Bücher ausgabe. Dann schrieb ich: Briefe, von denen ein Teil auch den Weg durch die Mauern fand. Das ging so zu: In meiner Eigenschaft als Hilfsschreiber- des Wirtschaftsverwalters. schaffte ich in Begleitung eines dienstverpflichteten Kriegsver- sehrten wöchentlich mehrfach Urnensendungen zur Post, die sich vom Herbst des Jahres 1944 an bedenklich häuften. Bei dieser Gelegenheit ließ ich meine Briefe unbeobachtet in den Kasten zischen. Als Helfer des Wirtschaftsverwalters gewann ich überdies wesentliche Einblicke in den Betrieb dieses Hauses. Auch davon hielt ich in kleinen Skizzen einiges fest.

15 Berbig: Knast