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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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noch einmal gesprochen. Sein letztes Wort ist gewesen: ,, Ware um hast du den Herrn Jesus gekreuzigt?"... Mein Gott, ja, es ist ja richtig, daß die Juden seinerzeit aber das ist doch immerhin zweitausend Jahre her. So was sollte einmal verjähren! Wenn wir mit den Nachkommen jener Aufseher in Coswig, die wir zum Tode verurteilt haben, ebenso un­versöhnlich umgehen würden, wie sollte die Welt im

Jahre 3000 aussehen?!

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Am 21. Juli kam in aller Frühe der Werkmeister Müller mit düsterer Miene zu mir in die Bibliothek.

,, Auf den Führer ist ein Attentat verübt worden!" sagte er. ,, Ist er tot?" fragte ich.

,, Nein. Er hat im Rundfunk gesprochen. Ein paar andere sind tot. Was soll daraus werden?"

,, Kann ich Ihnen leider nicht sagen."

Wenn er wirklich totjegangen wäre, dann ,, Nun?"

و"

"

, Wer soll die Führung übernehmen?" ,, Göring! "

,, Ach

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Göring!" Er seufzte tief auf.

,, Und wer hat die Bombe geworfen?"

"

Woher wissen Sie, daß es eine Bombe war?"

,, Ich denke mir das so."

"

,, Ja, es war eine Bombe. Sie haben ihn schon. Ein Herr von Stolzenberg. Aber dahinter stecken ein paar Berliner Generäle. Einer von ihnen heißt Olbricht ."

Ich erschrak aufs tiefste...

Mit General Olbricht war ich im Laufe des Krieges zweimal in Berlin zusammengetroffen. Olbricht war der Führer der Division gewesen, in der mein Sohn den Polenfeldzug mit gemacht hatte. Ich habe ihn schon als Jungen gekannt; war mit seinem Vater befreundet, der damals Studienrat in Leisnig , später in Chemnitz war. Als ich das kleine Büchlein aus den Kriegsbriefen meines Sohnes schrieb, erklärte sich Olbricht bereit, ein paar Worte der Einführung beizusteuern. Ich sandte ihm das Manuskript.

Da das zugesagte Begleitwort nicht rechtzeitig einging, fuhr ich nach Berlin und besuchte Olbricht in seiner Kanzlei in der Tauentzienstraße. Er war damals Chef der Allgemeinen Heeresleitung. Er empfing mich sehr freundlich, und es war

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