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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Korb ausbesserungsbedürftiger Socken in das finstere Gemach von achtzehn Kubikmetern Atemluft, und abends holte man sie in verwendungsfähigem Zustande wieder ab. Was man so ver­wendungsfähig nannte im Zuchthause zu Coswig. Es waren ge­flickte Schläuche mit ungeschickt eingesetzten Beiderwand­flecken. Immerhin, man nannte diese schlichten Möbel der Herrenbekleidung Strümpfe, und als solche wurden sie auch hingenommen. Im Winter waren sie sogar sehr gesucht; denn nur etwa die Hälfte aller Gefangenen erhielt solch eine Schutz­hülle zwischen dem Holzpantoffel und dem nackten Fuße. Aus­länder erhielten sie nicht, ebensowenig wie Bettwäsche. Aber dagegen ist abermals nichts zu sagen, da ja alle leidlich heilen Strümpfe, Bettüberzüge und Decken an die Wehrmacht abge­liefert worden waren. Das Vaterland über alles!

Bainverlzweig also stopfte und flickte Strümpfe, und dazu sang er, mezzo voce, aber volltönend und rein, Uebungen auf seinem Naturinstrument, um es dergestalt vor dem völligen Einrosten zu bewahren.

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Wer den ganzen Tag auf seiner Zelle sitzt, der macht die nähere Bekanntschaft des Abteilungswachtmeisters. Das ist abermals unvermeidlich. Scheffzick so hieß dieser sonder bare Unheilige war Antisemit auf seine Weise. Er be­schimpfte den Juden in aufreizenden Redewendungen und nationalistischen Wortvorräten, hielt sich ihm gegenüber aber frei von Tätlichkeiten und somit wäre auch das in Ordnung gewesen. Aber das eben sollte sich jetzt klar herausstellen

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er hatte eine besondere kleine Schwäche: Er war wahn­sinnig! Ich bin kein Irrenarzt und kenne die verschiedenen Stadien einer Dementia präcox, einer Paranoia oder einer Paralyse im Ablaufe eines normalen Dachschadens nicht so genau, als daß ich sagen könnte, an welchem Punkte der Entwicklung seiner Krankheit Scheffzick damals angekommen war. Aber daß er jenem Zustande bedenklich nahe war, in dem sonst die Menschen einer Anstalt überwiesen werden, das steht zweifelsfrei fest. Eines Morgens also beim Austreten erzählt mir Charlie die folgende Geschichte in fliegender Hast. ( Er spricht das Deutsche leidlich gut, doch nicht ganz fehler­frei. Scheffzick spricht es weniger gut und noch weniger feh­lerfrei. Seine Muttersprache sei polnisch, so behauptet er. Die Polen unter den Gefangenen bestreiten dies energisch. Er ist

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