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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Platzes die Quantentheorie zu erläutern suchen. Willy kannte keine Ehrfurcht, weder vor Ludendorff , noch vor Hit­ ler , ja nicht einmal vor den Dingen, die Goebbels als die , ältesten', die größten, die neusten, die, bedeutendsten', , genialsten und, historischsten ihrer Art zum allgemeinen Ansehen zu bringen suchte. Jeder Superlativ war ihm zuwider. Ich saẞ still zwischen diesen beiden und hörte schweigend zu, wie der Großschlächter Tiflis eroberte und in Indien ein­marschierte. Einmal sagte Willy Pohle mit einem stillen Lächeln zu mir: ,, Ihm fehlen bloß die langen Ohren, und der Esel ist fertig." Ich war anderer Meinung, aber ich sprach meine wesentlich schärfere Fassung nicht aus.

Vier Betten standen in der kleinen Zelle, je zwei über­einander. Ich legte mich in der oberen Etage schlafen. Als ich früh erwachte, schien mir die Sonne ins Gesicht. Wenn ich den Kopf ein wenig erhob, hatte ich durch das kleine Fenster einen Blick über das winterliche Stromtal. Schiffe zogen zu Tal und zu Berg . Ab und zu heulte eine Dampfersirene auf. Möwen kreuzten über Wasser und Ufer. Man sah ein Stück Freiheit und das schien mir tröstlich.

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Meine Arbeit am Bücherkatalog schritt rasch voran. Es war zu fürchten, daß sie zu Ende gehen würde, ehe sich der Staatsanwalt zu Magdeburg darauf besann, Schumburg die Frei­heit wiederzugeben. Ich bremste also; schrieb nicht mehr als vier Seiten täglich, und als das Ganze fertig war, schützte ich einige Schreibfehler vor und schrieb alles noch einmal mit drei Durchschlägen ab. Schließlich war ich fertig, und Schum­burgs Befreiungsstunde hatte noch immer nicht geschlagen. Als ich meine Arbeit ablieferte, bemerkte Witte wie nebenher: ,, Sie machen von nun ab die Bücherei allein. Schumburg wird Hauskalfaktor." So wurde ich Bibliothekar, und Schumburg mein Feind, obwohl ich wahrlich nicht das mindeste dazu getan hatte, ihm diese Würde streitig zu machen. Willi Pohle prägte den Satz der Weisheit: ,, Der Gefangene ist des Ges fangenen schlimmster Feind!" Aber der Gefangene ist ja im Leben immer nur ein Spezialfall. Ich finde, man kann diesen Satz der Weisheit ruhig erweitern. Leonhard Franks Behaup tung, daß der Mensch, gut' sei, ist bestimmt eine maßlose Uebertreibung...

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