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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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fanden der Zeit und unserer besonderen Lage immer neue Themen ab. Auch Kurt entpuppte sich als ein Mann von viel­seitigem Wissen und einer geradezu erstaunlichen musikalischen Bildung. Die Kombination aus Chirurgie und Kontrapunkt soll ja des öfteren vorkommen; aber hier war sie in erstaun­licher Weise gelungen. Er schrieb auf ein Stück Packpapier, das er mit Notenlinien ausstattete, eine dreistimmige Fuge aus den Stufen meiner Telefonnummer im Scherz und so ganz nebenher. Cantor nomen est omen-- hatte das Gespräch auf den strengen niederländischen Kontrapunkt des 15. Jahrhunderts gebracht, und Kurt konnte sogleich mit Bei­spielen dienen. Kein Zweifel, man konnte damals in Gefäng nissen, Lagern und Zuchthäusern überraschend originelle Men­schen antreffen...

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Am vierten Tage in der vierten Morgenstunde wurde ich mit einem Manne namens Jakob aus der Halleschen Trans­portgesellschaft, Abteilung Herrenklub, ganz unerwartet heraus­gerissen und nach dem Bahnhofe geführt. Womit ich diese Vorzugstellung verdiente, habe ich nie erfahren. Die übrigen vom Coswiger Transport kamen eine Stunde später auf dem Bahnhofe an. Sie waren natürlich auch noch eine reichliche Stunde zu früh da... Jakob, an dessen linke Hand meine Rechte gefesselt war, wurde für acht Jahre nach Coswig einge­liefert. Er war, wie er mir im Waggon ausführlich erzählte, wegen Blutschande verurteilt worden. Da mich die Einzelhei ten seines Sündenfalles nicht interessierten, ging er wortreich auf Berufserlebnisse über und erzählte mir einige nicht wie­derzugebende Szenen aus seinem Leben als Melker. Brenn­punkte seines dürftigen Daseins waren offenbar Sexualerleb­nisse in jeder nur denkbaren Form, und da es ihm zur Zeit an praktischen Möglichkeiten mangelte, befriedigte er diesen Drang in Worten. Im übrigen war er gut zu leiden. In Cos wig kam er zur Gartenkolonne und hat mir in den schwer­sten Hungerzeiten mit Zwiebeln, Möhren und gutem Herzen jederzeit ausgeholfen, wo er dazu in der Lage war.

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Der Empfang in Coswig war sachlich in jeder Hinsicht. Der , Hausvater kleidete mich in die neue Uniform ein schwarze Beiderwandjacke und Hose mit gelben Streifen und die Küche gab einen Schlag saccharin- übersüßter Möhren aus. Dann

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