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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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einen Tag weiter. Wer dieses Haus eine Woche lang be wohnt, kriegt langsam eine Art Technik der Uebernachtung heraus. Sieh dir die Leute an, die da drüben die Ecke be völkern. Die haben ein Zigeunerlager aufgemacht. Liegen durcheinander wie die Rüben in der Miete. Früh spucken sie sich mal in die Hände, und der Tag beginnt in alter Frische. Man muß nur nicht daran denken, daß es Betten gibt."

Der Rat war gutgemeint, aber schwer zu befolgen. Die Plätze , mit dem Rücken nach der Wand' waren ausnahmslos besetzt, und auf der Diele sich langstrecken, das war ebenfalls nicht mehr möglich. Die Menschen fanden eben keinen Platz, sich langzulegen es waren ihrer zu viele. Ich wendete mich an den Transportkalfaktor von Coswig. Der war als Kaffee­hausbesitzer in Eisenach in bezug auf Platzanweisen in Lo­kalen offenbar zuständig.

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,, Ja Platz für die Nacht das ist so' ne Sache. Ich schlafe auf der Bank. Da hat man vor den Wanzen einiger maßen Ruhe. Leg dich auf die andere Seite. Sie ist lang genug. Aber schmal. Wenn du unruhig träumst, fällst du herunter."

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Die Nächte waren fürchterlich. Ich bin kein Freund großer Worte, und ich schreibe das Wort, fürchterlich unter aller­hand Hemmungen nieder. Sagen wir also: sie waren fürchter lich für mich. Mit Wanzen kann ich nun einmal einen Kom­promiß nicht schließen. Cantor, der Anwalt aus Lyon , begrüßte mich am andern Morgen mit heiterem Gesicht, und als ich ihm klagte, wie traurig es mir in der verflossenen Nacht ergangen war, schien nicht das mindeste Mitgefühl sein nichtarisches Herz zu bewegen. ,, An mich gehen sie nicht", bemerkte er ge­mütlos. ,, Ich weiß, manche laufen früh mit verschwollenen Gesichtern herum. Sie schauen ja auch nicht gerade erbaulich aus. Aber mit der Zeit wird man immun. Sie dürfen einfach nicht daran denken!" So spricht nur ein Mensch, der das infernalische Brennen des Wanzenbisses nicht kennt!

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Drei Tage blieb ich in Halle. Ich schlief kniend, den Man­tel über den Kopf gezogen, ein Taschentuch übers Gesicht ge­bunden, so daß nur ein wenig Atemluft blieb. In tiefer Er­schöpfung träumte ich manchmal schreckliche Dinge, die ich glücklicherweise vergessen hatte, wenn ich erwachte. Wenn die Nächte nicht gewesen wären diese drei Tage in Halle waren wirklich unterhaltsam. Löwenherz, Cantor und Martin

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