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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Bild vor ihn hintritt in dem Augenblicke, in dem er eine der vielen Handlungen zu begehen im Begriffe ist, die jetzt mit dem Tode bedroht werden. Man kann die Sache drehen und wenden, wie man will: die Todesstrafe ist immer das Einge­ständnis der Ohnmacht des Staates, und jede Hinrichtung be­zeichnet einen gräßlichen Notstand in der Kulturgeschichte eines Volkes. Es läßt sich darüber streiten, ob die Tötung eines Menschen notwendig war, aber Juristen und Gesetzgeber sollten sich des Hohnes und der Anmaßung enthalten, gewisse Verbrechen als todeswürdig zu bezeichnen. Die Unverträglich­keit dieser Strafe mit dem Besserungszweck bedarf keines Be­weises. Oder will sich heute noch jemand zu dem Wahn be­kennen, daß der Anblick einer Hinrichtung oder die Vorstel­lung von der drohenden Todesstrafe bessernd auf Gemüter einwirkt, die ihre Natur zum Verbrechen treibt? Nun schämt sich jetzt wenigstens der öffentlichen Hinrichtungen ein Eingeständnis, daß der Abschreckungszweck die Todesstrafe nicht fordert."

Martin lachte erbittert auf.

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man

,, Du bist und bleibst ein Idealist, Richard. Hast du nichts davon gehört, daß man in einigen Städten des Rheinlandes neuerdings wieder öffentliche Hinrichtungen veranstaltet?" ,, Ich habe davon gehört", sagte der Alte leise ,,, aber ich glaube nicht daran. Hoffe, es ist ein Stück Lügenpropaganda- und wenn es dennoch wahr wäre, nun so wäre das eben ein weiterer großer Schritt dem Abgrund zu, dem unsere Zeit entgegenwankt..."

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An der Tür entstand eine lebhafte Bewegung. Fluchende Stimmen drangen zu uns in die Ecke. Einige Dutzend Gefan­gene, die sich am Eingang ihr Lager für die Nacht zurechtge­macht hatten, wichen in die Menge zurück. Der Polizeimeister war mit drei Wachtmeistern von der Tür her gegen die Mitte des Raumes zu vorgegangen. Er schlug wild mit der Stahlrute um sich und war offenbar in einer heillosen Seelenverfassung. ,, Ich fass' ihn, den Lump", schrie er unbeherrscht ,,, antreten die Leute vom letzten Transport. Es waren dreißig Mann!" ,, Er sucht seine verlorenen Stäbchen", sagte Martin leise zu Kurt ,,, Gib mir den Rest für alle Fälle der Herren­

klub ist ein sicherer Ort."

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