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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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den Beruf in sich fühlen mochte, den Notstand des Rechts zu wenden. ä

Daß hier etwas Irreparables geschah, das machte den Vorgang so grauenerregend. Weshalb wurden sie zum Tode verurteilt? Die Männer es war eine ganze Gruppe, die in Etappen zur Verhandlung kam sollten einem von der Gestapo gesuchten Heydrichmörder behilflich gewesen sein, irgendwo über eine Grenze zu kommen. Sie bestreiten natür- lich, den Sachverhalt gekannt zu haben, als sie dem Gehetzten ein Nachtquartier gaben, was man ihnen ebenso natürlich nicht geglaubt hat. Der Priester, der in den nächsten Tagen ver- handelt wurde, war bereit, seine Unschuld durch einen Eid zu bekräftigen. Aber ein deutsches Oberlandesgericht traut einem tschechischen Priester ohne weiteres einen Meineid zu ich übrigens auch da kann man eben nichts machen. Die Gruppe umfaßte etwa siebzig Angeklagte. Die Hälfte von ihnen war schon verhandelt mit dem Ergebnis von siebzehn Todesurteilen. Der fromme Diener des Herrn aus Preßburg wurde ein paar Tage später ebenfalls zum Tode verurteilt... Wir erlebten dort eine Hausse in Todesurteilen und Hin- richtungen, eine Art Rückfall, so sagten manche Leute, in die Barbarei des Mittelalters übrigens nur Leute, die gar nichts von der Sache verstehen. Denn in Wirklichkeit ist dies alles nur der Ausdruck des ganz ungeheuerlichen Not» standes, desselben Notstandes, der uns in dieser Halleschen Menschenfalle festhält...

Und ich sage doch: Barbarei des Mittelalters! begehrte Martin auf. All seine gespielte Ueberlegenheit war von ihm

.abgefallen. Er ging erregt vor der Bank der Spötter auf und

ab, während Richard sich wieder auf seine Ecke setzte.Stifte noch eine Zigarette für den Kreis, Medizinmann, sagte er. Man muß wirklich was tun für seine Nerven!

Kurt präsentierte mit großer Geste gleich zwei, er selbst nahm sich die dritte, und während Richard Löwenherz die Spitze präparierte, murmelte er in sich hinein:Einem historis schen Fachmann sollte so etwas eigentlich nicht passieren. Das Mittelalter kannte nämlich gar keine Todesstrafe!

Martin blieb mitten auf seinem kurzen Wege stehen.

Mir neu! Bin allerdings immer der Meinung gewesen, daß man im Mittelalter nach Herzenslust gehenkt, geköpft, ges

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