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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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der Behandlung zwischen Kriminellen und Politischen . Heute ist dieser Unterschied in der Behandlung gänzlich gefallen, und man sieht sich überdies gezwungen, die Entehrung schon bis zur Todesstrafe zu steigern. Was aber nun? Immunität gegen Entehrung: das ist das traurige Fazit, vor dem die Recht sprechung steht Thermometer des Klimawechsels im sitt= lichen Empfinden des Volkes-- und die gebildeten Stände gehen diesmal voran, während sie doch sonst jeder moralischen Entwicklung nachhinken. Mit einem Worte: das Zuchthaus als Inbegriff der Entehrung schreckt nicht mehr!"

Auch sonst gewöhnt man sich daran", bemerkte Martin sachlich. ,, Ich bin achtzehn Monate in Celle gewesen. Anfangs hat man es in der Gesellschaft von Spitzbuben natürlich ein wenig schwer, regt sich über jede Kleinigkeit auf, flucht höl lisch und setzt sich mit seinem Schicksal wortreich auseinan der. Aber bald wird einem klar, daß dies ein im Grunde lächerliches Verhalten ist. Man lernt die Spitzbuben kennen, bemerkt sehr bald nicht ohne ein leichtes Erstaunen, daß un ter ihnen ganz prächtige Kerle sind, und man begreift, daß das, was man früher Recht zu nennen beliebte, ein höchst fragwürdi ges Phantasiegebilde ist. Bald begreifst du, was man von dir will: Körbeflechten, Bindfaden entknoten, Steine klopfen, Dreck fahren wohin eben die Worfschaufel Gottes dich gewendet hat und du ziehst mit einer durch nichts zu er schütternden Gleichgültigkeit den Karren weiter. Schließlich wirfst du allen Ballast eines inneren Lebens beiseite und trot­test ruhig und gelassen deinen Schicksalsweg hinter einer Fuhre Jauche her. Wie wäre das Leben des Zuchthausgefangenen sonst überhaupt zu ertragen? Sonntags gibt man dir ein Buch in die Hand... Sowas gibt's auch? denkst du erstaunt und dann legst du es beiseite. Du magst nicht lesen. Selbst ein spannender Kriminalroman würde dich jetzt ermüden oder langweilen. Wozu den Geist unnötig strapazieren? Er fühlt sich ohne Druckerschwärze viel wohler..."

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Richard Löwenherz nickte eifrig.

Ich kenne ja nur das Lager, aber ich denke, es wird da kein großer Unterschied sein. Wer die ersten Jahre in Oranien­ burg und Dachau mitgemacht hat, der kann ein Lied davon singen. Und von Auschwitz na, du brauchst bloß die da hinten in der linken Ecke zu fragen, die blau- weißen Zebras,

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