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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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Jude feierlich. ,, Unsere Propheten hüllten sich über die Ter mine ihrer Prophezeiungen auch in Schweigen."

,, Israel hat recht", sagte Richard Löwenherz leichthin. ,, Qui vivra verra! Man soll dem Schicksal nicht vorschreiben wol­len, welchen Weg es einzuschlagen hat, um zum erwünschten Ziele zu kommen. Seine Absichten sind so tief wie die Wasser der Ozeane, und kein menschliches Lot wird sie je ergründen." ,, Unser kleiner Mystiker spricht wieder mal ein großes Wort gelassen aus", spottete Martin. ,, Er ist glücklich in seiner Er gebung in die Zeit, weil er die Chancen der Zukunft immer im Vergrößerungsglase sieht. Auf seinen Tisch kommt immer , vorgegessen Brot', wie bei den Finanzministern aller Zeiten und Länder, und dann wundert er sich nicht einmal, wenn die Zukunft infolge dauernder Vorgriffe in die Substanz Kon kurs macht. Ich kenne das Leben und das Zuchthaus. War mit wachen Sinnen und klarem Verstande drei Jahre drin und werde abermals hineinkommen, bis zum Kriegsende. Hoch­verrat nennt man das, was man mir zur Last legt. Ich mag die­sen Heckmeck gar nicht erzählen. Weil ich aus einer englischen Zeitung, die öffentlich auf dem Dresdner Hauptbahnhofe ver­kauft wurde, einen Artikel übersetzt und in drei Durchschlägen an Bekannte weitergegeben habe... Immerhin kein Vergnügen in Celle ! Jeder Lumpenhund von Aufseher fühlt sich ver­pflichtet, dich en canaille zu behandeln. Ich habe einmal ver­sucht, eines dieser bösartigen Reptile vor den Strafrichter zu bringen. Daß man mir damals die Haut nicht über die Ohren gezogen hat, dafür muß ich dem Schicksal noch dankbar sein. Fast muß ich annehmen, es hat mit mir noch einiges vor!"... ,, Mit wachen Sinnen und klarem Verstande- ich glaube, das ist der Fehler!" sagte ich.

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,, Kommst du auch schon dahinter, obgleich ist es nicht so, daß du erst dorthin willst, wo ich herkomme?" lachte Martin bitter. ,, Das ist es, was unsere Strafe so hart macht! Wer sein Herz freihält von den Suggestionen des Tages, der kann wohl über diese Zeit lächeln, aber er ist im Grunde doch schlimm dran. Jede Zeit formt ihre Zustände unter dem Druck ihrer Selbstsucht und duldet Außenseiter nur unwillig. Beken­nermut und die Kraft eigenen Denkens aber haben zu allen Zeiten in einem schlechten Kurse gestanden, und glücklich, das heißt: unangefochten! lebt nur der, der mit dem Strome

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