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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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nieder, und Kurt präsentierte Zigaretten aus dem Vorrate des Polizeimeisters mit der Leberzirrhose. Die Stimmung be- lebte sick sichtlich unter dem Einfluß des milden Krautes. Gründen wir einen Verein ehemaliger Gestapokostgänger, wenn wir mal herauskommen? fragte Martin wie nebenher. Die Schwarz-Rot-Goldenen vom Wartburgfest hatten ja auch ihre Konventikel und Stammtische, die Bismarck noch bedenk- a lich erschienen, als der ganze Qualm des Revolutiönchens sich schon längst verzogen hatte. Die meisten von ihnen lebten freilich in der Schweiz , wenn sie es nicht vorgezogen hatten, -zwischen sich und das deutsche Elend den Atlantischen Ozean zu,legen...Das deutsche Elend!'...Der Staat ist eben ein Moloch... Frißt seine Kinder die meisten auf den Schlacht» feldern.... Gibt es überhaupt ein Land, in dem Deutsche nicht für irgendeinen Scheißdreck im Kampfe gefallen und begraben worden ‚sind? Liechtenstein vielleicht, oder die Republik An- dorra...Man sollte dem wirklich einmal mit historischer Gründlichkeit nachgehen!...Und an Cantor sich wendend fuhr er fort:Warum hast du dich eigentlich nicht rechtzeitig schwach gemacht? Du mußt doch wahrhaftig Zeit genug dazu gehabt haben. Der Jude wiegte sein Haupt nachdenklich und mit Würde. Das fragt man so leichtherzig hin. Hättest dabei sein sol len, diese letzten Tage vor der Uebergabe der Stadt. Immelr 3 denkt man, es hat noch Zeit. Dann werden die Bahnhöfe zuge- schlossen, und für eine Taxe oder für eine Pferdedroschke wer: den tausend Goldfranken für den Tag gezahlt. Meine Familie war überdies schon im Süden. Aber wer denkt gleich an Ver- haftung! Ich hatte meiner Meinung nach nicht das Geringste zu befürchten, und in einer Stadt wie Paris ist es ja schließlich! auch kein Problem, völlig unterzutauchen. In meinem Falle fand sich ein Denunziant, der behauptete, ich habe Mündel- nicht nach den Forderungen des Gesetzes angelegt. Seither wandere ich von Lager zu Lager. Eine Anklage gegen. mich ist noch nicht erhoben worden. Dem Staatsanwalt ist die Sache offenbar zu-dünn; aber die Polizei läßt mich nicht los. Einmal muß auch das ja ein Ende nehmen! Wann? fragte Martin mit einem höhnischen Lächeln. Wann? Wenn die Zeit erfüllet ist! antwortete der

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