zugehen gelernt hat. Das nil admirari ist eben eine internation nale Weisheit. Ich glaube ja freilich feststellen zu dürfen, daß im Knast alle psychologischen Gesetze aufgehoben sind. Hier wird getanzt, auch wenn einen gar kein Schuh drückt. Man weiß nicht, was der nächste Tag bringt, und ob die Rübe nicht schon wackelt, und man ist auf jede Wendung gefaßt. Man ist Optimist und läßt sich keine Schwachheit spüren, wenn man von seinen Erwartungen im Stich gelassen wird. Man ist gegen jede Form der Enttäuschung so abgehärtet, daß sie einem einfach gar nichts mehr anhaben kann. Allen Lehren der Er fahrung zum Trotz bleibt man guter Laune. Zwar sind unsere Hoffnungen in diesen langen zehn Jahren auf den Sturz der Heil- Hitlerei, auf eine Amnestie, auf den Dolchstoß in den Unterleib Europas , auf den gesunden Menschenverstand, und auf den besonders zunichte geworden. Aber die Hoffnung ist nun einmal elastisch wie das deutsche Recht, und tröst lich, solange sie vorhält. Wird einem die erste genommen, ist flugs eine zweite da, die gierig eingesaugt wird: denn die Luft dieses und aller ähnlichen Häuser, die mit Wohnungen keinesfalls verwechselt werden dürfen, ist mit Hoffnungen erfüllt wie der Himmel des Frühlingsmorgens mit rosenroten Streifen und flockigen Wölkchen. Der Eingesperrte läßt sich seine Hoffnung einfach nicht rauben. Nicht wahr, mein Löwenherzchen?" ,, Aber Martin", sagte der alte Herr mit einem leisen Vorwurf in der Stimme ,,, unser neuer Gast, wenn man so sagen darf, muß doch denken, er kommt in ein Irrenhaus!"
--
Der Historiker lächelte überlegen.
,, Denkt er nicht, Richard! Wird ja bald selber merken, was hier los ist!" Er wendete sich mit einer schicklichen Verbeugung abermals an mich. ,, Ich selber heiße also Martin. Max Moritz Martin. Such dir den Familiennamen selber heraus. Bei der Personalstandsbeurkundung der Polizei ist der Rufname feierlich zu unterstreichen. Bei mir sind schon alle drei Namen unterstrichen gewesen, sehr zu meinem Leidwesen. Weiß auch nicht, was sich mein guter Alter dabei gedacht hat, als er den Matthäus Müller aus der Sektbranche durchaus um ein M schlagen wollte."
Er wies abermals mit einer großartigen Handbewegung auf die Bank der Spötter unter dem gewölbten Gitterfenster. Ich ließ mich ein wenig verwirrt auf dem altersschwachen Möbel
184


