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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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der Schüchternheit, der seinem ganzen Wesen aufgeprägt schien. Martin, der als Historiker auftrat, war das Urbild eines jun gen Mannes von einigen zwanzig Jahren, der sich in dieser Umgebung die volle Unbefangenheit zu wahren gewußt hatte. Sein Haar, lockig und dunkelblond, verstärkte den Eindruck künstlerischer Unordnung, die sein Wesen zu beherrschen schien. Die Arme verschränkt, den Nacken stolz, fast über­heblich zurückgeworfen, riß er die Unterhaltung sofort an sich. ,, Laß diesen Schmonzes, Israel . Komm her, ehrwürdiger Fremdling" er wendete sich an mich ,, setze dich auf die Bank der Spötter und berichte. Wir sind neugierig wie alle Knastwanzen. Dieser lausige Krieg ist doch nicht etwa ver­sehentlich zu Ende gegangen? Dann verschweige uns auch das nicht, obwohl dies natürlich ein harter Schlag für uns wäre. Aber wir haben reiche Eltern und Panzerplatten vor den Stir­nen, damit wir die Schläge des Schicksals besser ertragen kön­nen. Richard Löwenherz" er wies mit eleganter Handbewe ,, ist übrigens, um

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gung auf den Rechtsanwalt aus Leipzig alle Miẞdeutungen ab ovo aus dem Wege zu räumen, Voll blutarier. Daß er aus Leipzig stammt, glaubst du ihm unbe schworen, wenn er den Mund auftut. Sitzt schon seit anno dreiunddreißig im Lagerkarussell. Momentan auf Transport. Kein guter Platz im Theater. Sein großer Namensvetter regierte 1189 bis 1199 in England als Kriegsverbrecher und Staats­feind Nummer eins. Er unser Richard nämlich saẞ als Staatsfeind Nummer zwei in sieben verschiedenen Konzert­lagern und spielte immer irgendein Soloinstrument: zuletzt in Buchenwald . Wenn jemand solche Reisen tut, dann kann er was erzählen. Nicht wahr, Richard? Er ist übrigens ein kleiner Mystiker, was heutzutage ja auch unerwünscht ist. Er hält es ja nicht gerade mit den Heiligen der letzten Tage, den Astro­logen oder den Ernsten Borbelfischern. Aber seine Zahlen­mystik kann sich auch sehen lassen! Sein englischer Vetter hat das Jahr 1200 nicht mehr erlebt. Er glaubt fest daran, daß er das Jahr 1944 nicht mehr im Knast sein wird. An ein Er leben dieses Jahres glaubt er übrigens auch nicht so recht. Hat ja auch alle Chancen, noch vorher über den Harz zu gehen wie wir alle. Aber wir sind Gott sei Dank in dem Alter, oder wenigstens in der Gemütsverfassung, in der man mit seinem Erstauen über die Launen des Schicksals haushälterisch um­

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