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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Tertullian, und der Prager Pater Guardian, der in Holland und Frankreich studiert hatte, legte mir in anregender Form die verschiedenen Lehrmeinungen über dieses kirchenväterliche Bonmot so lebendig dar, daß ich aufmerksamer Hörer blieb bis der Morgen graute. Eine Stunde habe ich dann wohl auch noch auf der Bank genickt. Ich erwachte jedenfalls, als die Beleuch tung eingeschaltet wurde und die Kübelmannschaft mit Wasser, Schrubber und Radau ihren Dienst antrat. Die unabweisbaren Bedürfnisse von zweiundvierzig Menschen hatten die Fas­sungskraft des Kübels erheblich überschritten. Rettich stand schlüsselrasselnd in der Tür und faßte eine Philosophie des Allzumenschlichen in lapidare Sätze rein Leipziger Prägung. Der Priester aus Prag hörte schweigend zu. Er verstand von den hier produzierten Weisheiten eines Menschenkenners lei­der noch nicht die Hälfte...

In der neunten Morgenstunde wurden wir abermals nach der Riebeckstraße verfrachtet, verlesen, sortiert und in Zellen ge­sperrt. Zu Mittag gab es einige Scheiben Brot mit der Andeu­tung eines Margarineaufstriches, und fort gings nach dem Hauptbahnhof.

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Diesmal wurden nur drei Mann in mein Abteil gesperrt. Neben mir saß ein hochaufgeschossener Junge von achtzehn Jahren, der nach Jena zur Verhandlung gebracht wurde. Er hatte für zwanzig Mark ein Eisernes Kreuz zweiter Klasse von einem Verwundeten gekauft und getragen. Wahrscheinlich, um einem Mädchen damit zu imponieren. Es gibt doch noch Romantik in dieser schäbigen Welt! Zwischen uns stand ein Pole, ein bildhübscher Junge mit wallenden Locken, ein Chopintyp wie aus dem Poesiealbum der sechziger Jahre her­ausgeschnitten. Auch er war an der Schweizer Grenze auf­gegriffen worden und nun auf dem Rücktransport nach Essen. Er kannte von dieser Reise her die Polizeigefängnisse von München , Salzburg , Nürnberg , Hof, Chemnitz und Leipzig . Jetzt also war er auf dem Wege nach Halle. Vierzehn Tage bereits fuhr er durch diese Welt des Elends, des Hungers und der Demütigungen mit lachendem Gesicht. Irgend­eine geheime Zuversicht schien ihn aufzurichten; aber er sprach diese Zuversicht nicht aus...

Dicht hinter dem Flugplatz Schkeuditz überfährt der Zug nach Halle die preußische Grenze. Wer da glaubt, diese habe

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