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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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In Chemnitz wurde unser Waggon an den Riesaer Personen­zug angehängt. Es ging also weiter. Ich hatte schon gefürch tet, Chemnitz werde die erste Nachtstation sein... Als sich der Zug in Bewegung setzte, wurde die Waldheimer Fracht zu­sammengelegt. Der Alte wechselte das Abteil. In Waldheim gab es nur einen kurzen Aufenthalt....

In Döbeln wurde der Waggon abermals umrangiert und an den Leipziger Zug gehängt. Von nun an gab es auf allen Sta­tionen längere Aufenthalte. In der achten Abendstunde fuh­ren wir endlich in die Halle des Leipziger Hauptbahnhofes ein, dessen hochgewölbte Glasbedachung sich vor dem Luftdruck eng lischer Sprengbomben längst verflüchtigt hatte. Leipzig war auf den Empfang so vieler Gäste zu so später Stunde offen­bar nicht eingerichtet. Es ging einfach alles schief... Durch einen der Quertunnel marschierte die Kolonne der Gefan­genen ab und gelangte hinter dem Westeingang ins Freie. Hier stand ein Gefangenenwagen bereit, der die Transportwelle in drei Fahrten nach den Polizeibaracken in der Riebeckstraße brachte. Bad Entlausung ein Stück Brot und abermals in mehreren Wellen nach dem Polizeipräsidium in der Wäch­terstraße. Endloses Warten in der Halle. Namenverlesung. Völ­lige Ratlosigkeit, des diensthabenden Hauptwachtmeisters. Der Beamte aus der Riebeckstraße drängt auf Abnahme seiner Fracht. Er hat ,, de Bärrn dicke", wie man in Sachsen sagt, er möchte endlich nach Hause.

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,, Sachde, sachde!" bemerkt der Hauptwachtmeister vom Dienst er heißt überdies Rettich, ein Name, der in Sachsen immer mit einer leichten Komik geladen ist ,, ihr seidje selwer dran schuld, wennr nich heemgommt. Was bringdr uns denn ooch nachts um elfe noch sone Hucke voll Schbitzbuhm iwern Hals!" Er verliest die Namenliste zum dritten Male. Endlich hat er Klarheit in seinem Bestande. Das erstemal fehlte einer, beim zweiten Male war einer zuviel da. ,, Wohin sollt'ch eich denn bloß schdeggen? De viernfuffzch is doch schon ge­schdobbde voll! Na, das hilft nu nischt. Dannema los!"

Wir waren etwa ein Dutzend Männer, die vor einer Tür im dritten Stockwerk halt machten. Ein Schlüssel rasselte im Schloß, die Tür tat sich auf, und ein Brodem übelriechender, verbrauchter Luft schlug uns entgegen. Eine Birne flammte auf und erhellte mit mattem Scheine ein Zimmer von etwa zwanzig

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