Ly- Feder, die meiner verschliffenen Handschrift die Möglich keit des Atmens gab eine besondere Entlastung des Ge müts nach jenem ewigen Stolpern über die hart- spitz- gespal tenen Knast- und Gerichtsfedern, mit denen man nur Buchstaben in Druckschrift malen konnte...
Ich war satt...
Ich bewegte ein Tabakblatt im Munde, das mir die Illusion eines Genusses verschaffte...
Das Thermometer zeigte 14 Grad Celsius. Es hing in der Mauernische des großen Fensters, dicht über der Kakteentreppe, die bis zur halben Höhe emporführte. In der Nähe der Heizung, die ich im Rücken fühlte, war es ganz gemütlich
warm...
Ueber meinem Tische hing eine Pendelbirne, die mit der Kraft ihrer fünfzehn Kerzen ein freundliches Licht über meine grauen und rosafarbenen Blätter warf. Die Männer, die vor zweieinhalbhundert Jahren in diesem Hause die Wirtschaftsbücher der Fürstinwitwe Sophie- Auguste von Anhalt- Zerbst mit dem Gänsekiel geführt hatten, wären von dieser Beleuchtung sicherlich entzückt gewesen...
In diesem Zimmer stehen fünf große Bücherschränke, zwei lange Tische, ein paar Stühle, ein Harmonium und eine Schreibmaschine. Es dient dem Zuchthaus zu Coswig als Bibliothek...
Gestern war ich in dieses Zimmer eingezogen mit einem Sonderauftrage. Ich sollte den Katalog einer Gefangenen bücherei aufstellen...
In diesem Hause hat man Zeit. Wenigstens unter gewissen Voraussetzungen. Im Augenblick schienen diese Voraussetzungen gegeben. Ich übertrug die flüchtigen Notizen, die ich mir auf dem Transport hierher gemacht hatte, von den grauen Pa pierschnitzeln auf das fürstliche Rosapapier. Vielleicht fand ich doch einmal die Gelegenheit, meine tagebuchartigen Aufzeichnungen aus diesen Mauern hinauszubringen.
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Coswig ( Anhalt), am 24. Januar 1944.
Der Abschied von Mathilde hat mich bedrückt. Kein Zweifel: Ich atme auf, endlich befreit zu sein von der körperlichen Nähe eines Menschen wie dieser Edmund Grosser einer war...
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