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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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was

Immer dasselbe Bild", sagte ein vornehm aussehender alter Herr, der im hinteren Winkel der Wachtstube dicht an mich gedrängt wurde; ,, fünfzig, bei den Frauen achtzig vom Hun­dert sogenannter Arbeitsvertragsbruch. Hauptsache, daß man um eine Vokabel nicht verlegen ist, wenn es gilt, einen un bequemen Zustand als Verbrechen zu plakatieren. Der Rest ist zu einem Drittel kriminell, zu zwei Dritteln politisch man heutzutage nun mit diesen blödsinnigen Schachtelbegriffen abdeckt. Es laufen ja phantastische Zahlen um über die Masse der zur Zeit irgendwo Festgehaltenen. Man spricht von Mil­lionen, die in Gefängnissen, Zuchthäusern, Konzentrations, Arbeits-, Bewährungs, Besserungs-, Vernichtungs- oder in sonstigen Lagern eingesperrt sind. Die Zahlen, die man nennt, mögen zu hoch sein oder zu niedrig; sie sind mir gleichgültig. Aber das eine weiß ich gewiß: daß in Deutschland viel mehr Menschen eingebuchtet sind, als jemals vor der Vernunft zu rechtfertigen ist. Die Angst hält sie fest, und die Angst ist ein schlechter Berater. Nichts gleicht der Dummheit, die aus der Angst geboren ist..."

Merkwürdig: die Philosophie der Angst wird im Polizei­gefängnis und auf Gefangenentransporten erörtert, während sie sich die Bühne nicht zu erobern vermag. Mein Freund Walther Gilbricht hatte eine Komödie geschrieben, die die Angst zum Motor der Handlung macht. Sie wurde seinerzeit in Prag ur­aufgeführt und erspielte sich einen schönen Erfolg. Die Gall wespe', so war ihr Titel. Aber kein Theater mochte das Stück nachspielen. Warum nur? Graute den Herren Intendanten vor der Hüllenlosigkeit der hier ausgespielten Wahrheit? Wohl kaum. Es war eher ein Rest von Schamgefühl, der sie davon ab­hielt, dieses Stück auf ihre Bühne zu bringen. Heute graut allen Menschen vor einer Wendung der Dinge, die eine letzte Folgerung aus dieser in der, Gallwespe' dargestellten Wahrheit sein wird. Der Krieg wird beendet sein, so sagen die Tschechen, wenn die Terrorbomber mehr Schrecken verbreiten als die Ges stapo. Aber vorläufig sind beide Schreckensgewalten noch mit wachsender Energie dabei, ihre Vormachtstellung auszubauen. Nicht nur in Deutschland . Die Innenpolitik aller Staaten weicht aus in der Richtung der größeren Angst, ganz in dem gleichen Maße, in dem das Streben des einzelnen in der Rich­tung des kleineren Uebels ausweicht...

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