hatte mehr als zwanzig Jahre in Waldheim gelebt und war mit vielen Strafvollzugsbeamten persönlich bekannt. Man macht in einer Lage wie der meinen nicht gern Gebrauch von seinen Beziehungen. Vater Rohde meinte zwar, er könne mir dort sofort eine Dauerstellung in der Bibliothek erwirken. Aber ich fand die Bitte meiner Tochter, die zugleich die meiner Frau war, verständlich. Die kleine Stadt würde natürlich erfahren, daß ich im Zuchthause sei, und meine Frauen wollten nicht zum Gesprächsstoff der Stadt werden. Im übrigen fühlte ich mich in der Lage eines Mannes, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat. Ich war im Namen des Deutschen Volkes' durch das Gesetz entehrt worden, und ich wollte dieser Tatsache unbedingt Rechnung tra gen. Also mußte ich auch alles das willig auf mich nehmen, was normalerweise ohne Inanspruchnahme von Beziehun gen damit verbunden war. Ich richtete also an den Staatsanwalt Bücking ein Gesuch, in dem ich um einen Urlaub von einigen Tagen bat zur Ordnung privater Angelegenheiten, ins besondere zur Verlagerung meiner Bibliothek von rund 5000 Bänden, unter denen sich viele wertvolle Erstausgaben befanden, aus dem bombengefährdeten Leipzig , und um Versetzung in eine auẞersächsische Strafanstalt. Das letztere wurde genehmigt, das erstere verweigert. Es kam, was ich voraus geahnt hatte: Am 4. Dezember 1943 wurde meine Bibliothek samt meiner übrigen Habe in Leipzig ein Raub der Flammen... Am Tage meiner Verurteilung, am 23. November also, fiel mein jüngerer Sohn in Rußland . Ich erfuhr dies erst vier Monate später...
Meine Frau, nun völlig mittel- und heimatlos, zog zu meiner Tochter nach Süddeutschland. Noch einmal besuchte sie mich in Dresden zur Ordnung persönlicher Dinge. Dann aber zog ich ein feuerfestes Drahtgitter hinter mein bisheriges Leben und harrte meines Abtransportes irgendwohin.
Eine sogenannte Weihnachtsfeier mußte ich noch über mich ergehen lassen. Mit einer Portion Kartoffelsalat, 150 Gramm Brot und einer Flasche Bier, gewürzt durch eine Ansprache des Direktors der Elbwerke, in der die hingebungsvolle und fleißige Arbeit der Gefangenen für die Verteidigung der Heimat gegen einen erbarmungslosen Feind gerühmt wurde, einen Feind, der das friedliche Deutschland Adolf Hitlers
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