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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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weil unsere Unterhaltung von zwei Beamten überwacht wurde. Meine Kinder hatten eine Kleinigkeit zu essen mitgebracht. Ich verschlang die belegten Brote gierig und dachte dazu:, Ach, wenn sie doch endlich gingen! Diese Klagen um dieses Affen­theater der sogenannten Entehrung sind mehr als peinlich.' Dann erklärte der Schließer, der mich zur Verhandlung ge­führt hatte, die Sprechzeit für beendet ich wurde ins Ge fängnis zurückgeführt.

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,, Nun, wie ist es abgelaufen?" empfing mich mein Freund Natscheff, indem er mein Mittagessen, das er aufgehoben hatte, auf meinen Zellentisch stellte.

,, Zwei Jahre Z. Ein Jahr der Untersuchungshaft ist ange­rechnet."

,, Dann wirst du deinen Knast gerade noch hinter dich brin gen, ehe das Gebäude einkracht. Frühere Termine sind tsche­chische Phantastereien. Es wird eher noch länger dauern. Die Nichtanrechnung der Untersuchungshaft wäre wahrscheinlich günstiger gewesen. Dann würdest du den Zusammenbruch zu verlässig im Zuchthaus erleben, und das wäre entschieden günstiger als bei der Gestapo . Entlassen wirst du ja bestimmt nicht. Sie behalten uns alle dort, wo wir sind, worauf du dich verlassen kannst. Nun aber lebhaft bohren, daß du mög lichst rasch an deinen Bestimmungsort kommst. Hier ist nichts mehr zu erben, und im Zuchthaus hast du deine Ruhe!"

Ich hätte mich zweifellos im Mathildengefängnis noch eine ganze Weile halten können. Man beeilte sich damals mit dem Abtransport der Verurteilten ins Zuchthaus nicht; denn man wußte nicht recht, wohin mit ihnen. Die Bienenstöcke des Straf­vollzugs waren übervoll, und nur selten fand der Verurteilte im Zuchthause selbst seine Ruhe. Meist wurde er wieder auf Transport geschickt und von Lager zu Lager geschleift, um schließlich als Sklave an irgendeinen Unternehmer verkauft zu werden, der aus der Arbeitskraft von ein paar Dutzend Sträflingen in seinem Steinbruch oder in seiner Zementmühle Kapital schlug. Am Abend des Verhandlungstages kam Vater Rohde zu mir und überbrachte mir ein Brot und ein Stück Butter, die meine Tochter ihm übergeben hatte. Meine Tochter ließ mich zugleich durch ihn bitten, ich solle doch ein Gesuch machen, daß ich meine Strafe nicht im Zuchthaus zu Waldheim an treten müsse. Es sprach manches dafür, manches auch dagegen. Ich

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