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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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so glaubte ich

ich einer Zuchthausstrafe gewiß und blieb damals! bis zum Kriegsende dem Zugriff der Gestapo ent

zogen..

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Im Arbeitssaal lernte ich viele Menschen kennen, und von jedem einzelnen wäre mancherlei zu berichten. Außer Nat­scheff und Stepanenko saßen an meinem Tische oder in der näheren Umgebung meines Arbeitsplatzes:

Der Schauspieler B., gegen den in der ersten Verhandlung die Todesstrafe vom Staatsanwalt beantragt worden war. Der Verteidiger hatte im letzten Augenblick die Aussetzung der Verhandlung erreicht. Nun wartete er auf die nächste Ver­handlung, die über sein Schicksal entscheiden würde. Er wartete schon fast ein Vierteljahr.

Der Opernregisseur S., der mir seinen sonderbaren Fall in allen Einzelheiten darstellte. Briefe an eine Freundin, die bei einer Haussuchung bei dieser gefunden wurden, enthielten , Beleidigungen des Führers'. Was er mir davon erzählte, das war wirklich, beleidigend', das ließ sich nicht leugnen. Er wurde Anfang Dezember zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. W., Mechaniker und Spitzbube, der in dieser Umgebung eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren absitzen sollte, da seine technischen Kenntnisse hier gebraucht wurden.

Hans Wert, ein stiller Politischer', von der Gestapo fest­genommen als Gewerkschaftsführer, der seine beiden Söhne im Hitlerkriege verloren hatte, dessen Frau schwerkrank darnieder­lag, der seelisch am Ende seiner Widerstandskraft war. Er war wegen, illegaler Betätigung zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden und wartete in Geduld auf den Abtransport nach Waldheim, Gräfentonna , Ebrach oder Gollnow.

L., ein Pilsener Bankdirektor, der mir täglich versicherte, der Atlantikwall sei nichts als ein einziger großer Bluff, und die Engländer und Amerikaner würden eines Tages, wenn sie nur wollten, in Nordfrankreich landen und den Rest des Krie­ges besorgen. Im übrigen war doch erstaunlich, welche um­fassende Kenntnis er von den Befestigungen der französischen Nordküste besaß. Er hatte offenbar diesen Teil des Kriegs­schauplatzes zu seinem Spezialstudium gewählt.

P. und S., zwei Professoren der Prager medizinischen Fakul tät, von denen behauptet wurde, es seien Leuchten ihres Fa ches. Beide standen mit der Außenwelt in einer geheimnis­

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