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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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mir weder Bleistift noch Papier zur Verfügung standen. Als ich den Hauptwachtmeister kurz auf diesen Umstand aufmerksam machte, meinte er, das sei ja auch gar nicht nötig, da ja der Anwalt die Anklageschrift auch zugestellt erhalte, und der werde schon das Nötige besorgen. Ich gab ihm daraufhin die Anklageschrift ungelesen zurück.

Sie wollen sie nicht lesen?

Nein.

Warum nicht?

Sie interessiert mich nicht, wenn ich nicht selber zu ihr Stel» lung nehmen darf. Was der Anwalt dazu zu sagen hat, ist mir völlig gleichgültig. Bitte!

Dann sind Sie der erste, der nicht wissen will, was man ihm vorwirft. Na wie sie wollen. Unterschreiben Sie!

Ich unterschrieb die Erklärung, daß ich vom Inhalt des Do- kumentes Kenntnis genommen habe, und der Alte legte das kleine Büchlein in seinen Aktenschrank zurück. So also wurde ich verurteilt, ohne genau erfahren zu haben, was eigentlich man mir zur Last legte...

Als Verhandlungstermin war der 17. September festgesetzt worden. Dieser Termin wurde am 10. September ohne Angabe eines Grundes aufgehoben. Einige Tage später besuchte mich mein Anwalt und teilte mir mit, daß der Hauptbelastungszeuge, Herbert Fink, nicht aufzutreiben sei.Ich habe mich gewei- gert, ohne ihn zu verhandeln! fügte er in der Haltung des grundsatzfesten Verteidigers hinzu. Ich traute diesem mann» haften Anwaltswort so wenig wie der Römer einem Karthager. Später erfuhr ich, daß der Präsident der Strafkammer es ge wesen war, der ohne persönliche Anwesenheit des Angebers nicht hatte verhandeln wollen. Ein letzter Rest juristischen An- standes der vor einem Kriegsgericht beschworenen Aussage gegenüber! Das war nun freilich eine vertrackte Situation für mich. Gesetzt den Fall, der Spitzel, dem ja schließlich an der Front auch etwas Unangenehmeres zustoßen konnte als die Vernehmung über eine Spitzelanzeige, wäre wirklich im russie schen Tumult verlorengegangen, dann hätte mich das Gericht kurzerhand ohne Verhandlung an die Gestapo zurückgegeben, und ich wäre in einem Konzentrationslager begraben worden. Es fiel mir daher ein Stein vom Herzen, als ich eine neue Ver- handlungseinladung für den 23. November erhielt. Nun war

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