zwischen den Zeilen stand, und kommentierte seine Meinung über die Kriegslage geschickt und überzeugend. Ich muß ge= stehen, ich atmete unter seinem Kauderwelsch, das er gelegentlich mit französischen und englischen Brocken durchsetzte, nach den langen Monaten der Einsamkeit ordentlich auf. Die zehn Flaschen Sekt lagen mir allerdings ein wenig auf dem Gewissen, obwohl ich nicht entfernt an den Termin glaubte, für den er die Kapitulation Italiens prophezeit hatte.
Rechts von mir saß Adama, ein ehemaliger Major der tschechischen Armee, die ohne Kampf die Waffen auf dem Rathause abgegeben hatte. Er sprach recht gut deutsch, beteiligte sich aber nur selten an meiner Unterhaltung mit dem Russen. Wenn aus irgendeiner Ecke ein Gerücht aufsprang, lächelte er manchmal milde und sagte:„ Latrine!" Aber ich hatte bald heraus: Wenn er nichts dazu sagte, dann bestätigte sich das Gerücht in den nächsten Tagen. Er war immer auf eine merkwürdig sichere Art über alles unterrichtet, was sich draußen abspielte.
Adama wurde nach kurzer Zeit in einen andern Arbeitssaal versetzt, und an seine Stelle kam Natscheff, ein Bulgare. Natscheff hatte an der Technischen Hochschule zu Dresden studiert und sich von einer fünfjährigen Weltreise aus Hawai eine Frau mitgebracht. Eine Engländerin. Dann hatte er sich in Dresden niedergelassen, und um seinen vermöglichen Tagen einen etwas belebteren Inhalt zu geben, eine Mietbücherei er öffnet, in der er grundsätzlich alle Neuerscheinungen führte, die in aller Welt mit Anspruch auf Beachtung herauskamen. Dresden mit seiner starken englischen und amerikanischen Kolonie war ein guter Boden für sein Unternehmen geworden, und der Erfolg blieb nicht aus. Geld strömte zu Gelde. Infolge einer unvorsichtigen Aeußerung über das zu erwartende Kriegsende kam er ins Mathildenschlößchen: der Eid einer beschränk ten Professorenfrau hatte ihm den Hals gebrochen.
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Jo so wurde er nach seinem Vornamen Jordan genannt war der Prototyp eines schlechthin allbelesenen Mannes. Er sprach neben seiner bulgarischen Muttersprache das Russische, Polnische, Tschechische, Französische, Englische und Deutsche fließend, und las das Italienische und Spanische in völliger Beherrschung des Wortschatzes. Als alter bulgarischer Freiheitskämpfer beherrschte er Theorie und Praxis des revolutionä
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