Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
143
Einzelbild herunterladen
  

-

nitz liegenbleiben würden ein weiterer Anlaß dafür, sich in Demut in die Schickungen der Vorsehung zu fügen. Ich blieb also auf dem Strohsack liegen und versuchte zu schlafen. Aber der Agent, der am Abend vorher so unklar über seinen Pro­zeß gesprochen hatte, verwickelte mich in eine Unterhaltung und entpuppte sich in deren Verlaufe als ein gewiegter Kenner aller Währungstheorien von Irving Fisher und Keans bis auf Cassel und Gesell. Dabei ließen meine Schmerzen ein wenig nach, und ich sah die Welt bereits wieder in einem etwas freundlicheren Lichte, als nach dem Mittagessen der Ruf er­

tönte:

,, Alles raus! Alles mitnehmen! Transportwagen kommt von Plauen zurück!"

Das System der Gefangenentransporte wird mir ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Ich weiß nur, daß man, um von Leipzig nach Dresden zu gelangen, manchmal über Hof und manchmal über Dessau gefahren wurde. Der Transport von Athen nach Leipzig hatte Nantzu über Wien und Köln ge­führt, und wenige Tage später konnte ich feststellen, daß ein Transport von Hamburg nach Köln über Prag gegangen war. Tausende, nein: Zehntausende von Gefangenen waren auf diese Weise täglich unterwegs und belasteten die Reichsbahn und die Durchgangspolizeigefängnisse. Gewisse Knotenpunkte des Transportes, wie etwa Halle, hatten eigens für diesen Zweck , Dependenzen eingerichtet, in denen Nacht für Nacht einige hundert solcher unglücklicher Reisenden aufgehoben wurden. Von Halle wird ja noch die Rede sein...

Wenn man Mittelohrschmerzen hat, verliert die Umwelt er­heblich an Interesse. Ich fand mich eigentlich erst wieder in ihr zurecht, als ich am späten Abend mit etwa sechzig Männern auf engstem Raume in der Bahnhofspolizei Dres den landete.

Ein Jude mit verhärmtem Gesicht wurde neben mir auf die Bank gedrückt. Zwei Jahre, so erzählte er mir, war er ohne Nachricht von seiner Familie in einem Lager gewesen. Nun ging er, nach dem Osten'. Die Deutung der Himmels­richtung hatte in diesen Tagen ein neues Vorzeichen erhalten. Das alte go to west' der englischen Seefahrer, vom Ster­ben der Sonne im Westmeere her zum Sinnbild des Todes ges worden, war in gleicher Sinndeutung zum Gehen nach Osten

143