,, Ihr werdet entlassen!" suchte ich zu trösten.
,, Niemals! Wer weiß, was nun kommt!" sagte der Jüngere der beiden resigniert. So war es eben: Kein Mensch glaubte mehr daran, daß ein Politischer jemals entlassen werden würde!
Die beiden andern waren junge Burschen, die aus einem Arbeitslager entwichen waren und die wegen Arbeitsvertragsbruches in ein sogenanntes Erziehungslager verbracht wurden. Wir haben schon manches ausgehalten. Auch das werden wir überstehen!" Das war ihre Meinung. Sie ließen sich ihre gute Laune auch durch die unbezweifelbaren Unbequemlichkeiten dieser Reise nicht rauben...
Als der Zug in Lausick hielt, wurde unsere Zelle geöffnet. Eines der mitreisenden Mädchen ging mit einem Becher und einem Kruge Kaffee durch den Wagen. Ich sagte ihr, daß ich Schmerzen habe und bat sie, einen Transportbegleiter zu bitten, mir den Aufenthalt im Mittelgang zu gestatten. Das tat denn das gute Mädchen auch, und der Transportbegleiter hatte wirklich Mitleid mit meinem dicken Verband. Ich durfte aus der Zelle heraustreten und am Fenster stehenbleiben, das den Wagen abschloß. Da der Gefangenenwagen als letzter des Zuges fuhr, hätte ich an diesem Tage zum ersten Male seit vielen Wochen wieder ein Stück freier Natur sehen können wenn dieses Fenster nicht eine Mattglasscheibe gehabt hätte. Trotzdem ich kam mir außerordentlich privilegiert vor!
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In Chemnitz war der Empfang betont lieblos. Auf dem Bahnhofe wurden wir gefesselt und fuhren nach einer ewigen Warterei auf einem Querbahnsteige ins Polizeigefängnis, wo wir zu fünft in eine geräumige Zelle eingesperrt wurden. Es war inzwischen Abend geworden, und wir machten uns zum Schla fen zurecht. Neben mir auf dem schmutzigen, staubwirbelnden Strohsack lag ein Versicherungsagent, der auf vier Jahre nach Waldheim abging. Der Bericht über sein Vergehen war höchst unklar. Fest stand nur das eine, daß er sich von seinem Anwalt verraten fühlte, und daß sein Vertrauen in Recht und Gerech tigkeit aufs tiefste erschüttert war. Der dritte war ein junger Franzose, der wegen Arbeitsvertragsbruches in Trier verhaftet worden war und der nun schon zwölf Tage, auf Transport' reiste. Er kannte die Polizeigefängnisse von Aachen , Frank furt , Kassel , Erfurt und Leipzig , und so war er denn von
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