Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
137
Einzelbild herunterladen

Zelle. Lambro schält das Ei und halbiert es mit feierlichen Geste.

,, Ein Ei im Knast! Hans, is es wenig, aber mit Liebe von eine gute Tochter gegeben. Nimm und iẞ!"

Er legt das halbe Ei auf mein Brot. Ich schiebe es gerührt zurück. ,, Es ist dir gegeben!" sage ich.

,, Dann mußt du essen nicht halbes, mußt du essen ganzes Ei. Ich kann nicht berühren meine Hälfte, solange du nicht hast gegessen die deine."

Dabei blieb es. Also aßen wir jeder ein halbes Ei, einge­machte Oliven und Brot. Ich erinnerte an Platons Symposion. Er lächelte, und dann zitierte er in der Sprache. Homers einiges über die Gastfreundschaft der Alten. Ich verstand nicht alles, oder besser, nur wenig davon; aber ich fühlte die Feierlichkeit der Stunde und fühlte mich im tiefsten ergriffen.

So kamen wir einander näher. Eines Abends legte ich ihm ein Kinderbild vor, das irgendwie hereingepascht worden war. Er betrachtete es prüfend und mit sichtlicher Teilnahme.

,, Isses dein Enkelkind? Der gute Gott soll schitzen. Und dein Sohn?"

,, Er ist im Kriege- irgendwo."

,, Lang soll er leben, und du auch!"

-

An diesem Abende wir legten uns zeitig nieder und plau­derten noch ein Stündchen erzählte Lambro mir die Ge schichte seiner Liebe. Mit diesen Worten etwa:

-

-

-

,, Mein Schwieggervadder war sowas wie ein Professor an Gymnasium in Smyrna, ein serr beriehmte und klugge Mann. Der hatte gespart zwelfhundert" Lambro meinte immer eng lische Pfunde, wenn er in Geld dachte ,, und mit seine Frau und seine beiden Kinder, ein Mäddel und ein Junge, ging nach Paris an Sorbonne. Sohn wurde Elektro- Inschenier, Tochter hat fünf Jahre studiert und hat gemacht ihre Doktor in Philo sophie. Ganz ein serr gebildete und gescheite Mäddel.

Kam zu mir mein Freund Aryas, der mich später gebracht hat um fünfzehntausend."( Mit nachlässiger Handbewegung.) ,, Hab ich bezahlt das Geld in drei Monate; hat mir nix ausge­macht... Sagt also Aryas zu mir: Lambro, sagt er, hätt ich was für dich, was du denkst zu suchen. Hübsch, gebildet. Serr ge­bildet und aus serr eine gutte Familie. Wirst du mit mir fahren nach Paris . Hab ich gesagt: Aryas, du weißt, ich bin ein serr

-

137