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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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fen Weisheit also suchte ich, leichte Stoffe' für meine we gen Arbeitsvertragsbruches eingelochten Dienstmädchen. Den ganzen Tag über saßen diese Mädchen bei Wezel& Naumann und stanzten Faltschachteln für Zuckerhonig oder für medi­zinische Packungen: früh im geschlossenen Omnibus hin, abends zurück. Und dann? Ja. dann bauten sie auf ihrem Strohsack Luftschlösser. Nichts läßt die Zeit rascher dahineilen als eine bunte Welt glücklicher Vorstellungen, die unsern Geist erfüllt und zuletzt ganz und gar beherrscht. Das. Leben gleicht dann einem Schlafe, dessen schöner Traum jene Bilder sind, die wir unausgesetzt an unserm inneren Auge vorübergleiten sehen. Das sind keine Luftschlösser im, gewöhnlichen Sinne, keine Zukunftsvisionen, wie sie aus Ueberlegungen und Einbildungen entstehen, sondern Reali täten schlechthin. In ihnen verliert die Zeit ihr Maß, der Raum seine bedrückende Enge. Von dem, was diese Bilder umrankt, von der grauen Oede des Gefängnisses nämlich, bleibt in der Erinnerung nichts übrig als ein leichter Nebel, dessen durch scheinende Kraft rasch dahinschwindet und bald dem völligen Dunkel der Vergessenheit weicht. Der ständig bohrende Hun ger etwa, das Frieren in schlechtgeheizten, nie gelüfteten Räumen, die geisttötende Beschäftigung, die Roheit und Nieder­tracht der Aufseher, dies alles wird täglich und stündlich hin weggeräumt von der glücklichen Vorstellung, daß alles dies eines Tages ja ein Ende nehmen müsse. Wohlgemerkt: Müsse! Daß man dereinst wieder eine richtige Zigarette rauchen, sich sattessen könne; daß man diejenigen, die unser Unglück verschuldet haben, in peinlichster Verlegenheit sehen werde; daß man seine Lieben, seine Freunde wieder­sehen und ihnen erzählen werde, wie es einem ergangen ist. Man formt im Geiste die Worte, die man dann sprechen wird nein- nicht so- sie brauchen ja schließlich nicht alles zu erfahren; nicht alles das: von der Erniedrigung und Demütigung durch die Bosheit und Dummheit jener Menschen, die das Gesetz zu Strafvollzugsbeamten gemacht hat und denen man im Grunde ebensowenig böse sein darf wie der Viper, die Gott in seiner unerforschlichen Weisheit und Güte- mit Giftzähnen ausstattete-- und eben, wenn wir diese und ähnliche Gedanken zum hundertsten Male in ein immer neues sprachliches Gewand gekleidet haben, schlägt

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