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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Sachsen ) und wollte mich fühlen lassen, daß Leute meines Schlages, die selber Bücher schreiben, unter gar keinen Um­ständen geeignet sind, in einer Bibliothek zu arbeiten. Die Bitte darum hatte ich schon vor längerer Zeit ausgesprochen, es war aber eben niemals Platz da. Nun, ich hatte ja Zeit und eines Tages kam mein Freund und Gönner Dietze vorüber, der Direktor, und teilte mir mit, daß im Ersatzgefängnis in der Beethovenstraße ein Platz in der Bücherei freigeworden sei. ,, Sie haben da ein wenig mehr Bewegungsfreiheit, sind nicht den ganzen Tag in der Zelle. Das Essen soll drüben auch bes­ser sein, so sagt man mir. Ich an Ihrer Stelle würde die Ge­legenheit ergreifen, mich einmal zu verändern. Aber wie Sie wollen. Viel Zeit zum Schreiben haben Sie ja drüben nicht mehr." Neue Gesichter und der Umgang mit Büchern ich er griff also die Gelegenheit, den Ort zu wechseln. So kam ich in den ersten Apriltagen ins Ersatzgefängnis...

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Die Uebersiedelung gestaltete sich bereits ein wenig schwie­rig. Ich hatte zu viel Gepäck. Wäsche hatte sich angesammelt und verschiedene Kleinigkeiten, von denen man sich ungern trennt. Mein Karton wurde beanstandet. Aber schließlich brachte ich doch alles in den grünen Transportwagen, und wenige Minuten später stieg ich, Station Beethovendiele' aus. Von einem knurrigen Beamten wurde ich in Empfang genom­men, der mich wortlos in eine Einzelzelle sperrte.

Am nächsten Morgen wurde ich in die Bibliothek geführt. Das war ein Raum, der aus drei kleinen, nebeneinanderliegen den Zellen bestand, die durch Türen miteinander verbunden waren, so daß ein Gang von etwa sieben Metern Länge ent standen war. Immerhin eine Wandelbahn, die den Gedanken an eine größere Bewegungsfreiheit nahebrachte. An den Wän den standen die Bücher in hohen Regalen, ausgerichtet wie Soldaten und nach Nummern und Kennbuchstaben geordnet. Die Einordnung in den Zettelkatalog war ziemlich willkürlich erfolgt. Jules Verne stand unter den Reisebeschreibungen, Dahns, Kampf um Rom' unter den geschichtlichen Werken. Aber man fand sich in den bescheidenen Beständen bald zu­recht, und das war ja schließlich die Hauptsache.

Bibliothekar war Schmehling, ein kleiner Handlungsgehilfe, der Geschäftsgelder auf dem Rennplatz verwettet hatte.

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