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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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aus, hilft bei der Revision, sammelt die Wäsche ein, verrichtet kleine Dienstleistungen für die Beamten, besorgt das Bad und die Heizung. Er fühlt sich bald als privilegiert und nimmt den übrigen Gefangenen gegenüber den rauhen Ton des Vorgesetz­ten an. Gelegentlich macht er kleine Geschäfte mit ihnen, öffnet wohl auch einen verbotenen Weg in die Außenwelt und besorgt Briefe und Nachrichten für solche, die für diese Dienste dankbar sind.

Man wählt den Kalefaktor viel häufiger aus dem Kreise der Kriminellen als aus dem der Politischen . Er ist zumeist ein Spitzbube, und sein Wesen erklärt sich aus dieser schlich ten Tatsache. Er ist unterwürfig und gesprächig; weiß, wo zu schmeicheln und zu kriechen sich lohnt. Zudem hat er meist Erfahrung in diesem Amte, denn er übt es nicht zum ersten Male aus...

Der Badekalefaktor war ein, Kapitalist'. Er nahm allen Neu­lingen, die aus dem Polizeigefängnis kamen, Zigaretten und Tabak ab mit dem Hinweis darauf, daß in diesem Hause das Rauchen verboten sei. Und für Tabak war nun einmal in diesem Hause alles zu machen. Es hatten sich aus Angebot und Nachfrage bereits feste Preise gebildet. Zehn Zigaretten wur­den in der Küche gegen einen halben Würfel Margarine ge tauscht, eine Rolle Priemtabak gegen zehn Stückchen Würfel­zucker. Der Buchbinder tauschte Zigaretten gegen Briefpapier, der Schneider gegen Nadel und Zwirn, der Tischler gegen einen Schlag Mittagessen oder gegen Brot, das er als Zusatz verpflegung erhielt. Wer nichts zu tauschen hatte in diesem Hause, der war übel dran. Die Zellenverpflegung war unzu­reichend, und die Untersuchungsgefangenen fielen im Körper­gewicht rasch ab...

Eines Tages wurde Lorenz vor Gericht geholt. Als er zu­rückkehrte, war er sehr niedergeschlagen.

,, Nun, was haben sie denn drüben ausgegeben?" wollte Kroll wissen.

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,, Ach nichts weiter. Der Gerichtsarzt war da. Man hat mich wegen Trunksucht angezeigt. Vielleicht was wegen § 51

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,, Is nich mehr!" entschied Kroll. ,, Besoffenheit gilt nich als strafmildernd. Du warst wohl blau, als du London an gedreht hast?"

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