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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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der mit gemessenem Schritt die innere Bahn' abwandelte, die kleinere Runde für solche, die sich nicht im Marschtritt der großen Runde bewegen können. Er hieß Schneider, war Kauf­mann und hatte zwei Tage zuvor vom Sondergericht fünf Jahre Zuchthaus bekommen wegen Transfervergehens.

,, Seit gestern weiß ich, daß ich unschuldig verurteilt worden bin", sagte er zu mir, als wir ein wenig miteinander bekannt geworden waren.

"

Wieso gerade seit gestern?" fragte ich zweifelnd.

,, Das Gedächtnis meiner Frau hat den Umstand aufbewahrt, der meine Unschuld zweifelsfrei erweist!" Er berichtete:

Vor acht Monaten war er auf die Anzeige seiner Firma hin verhaftet worden. In der Kasse der Baufirma, die er führte und aus der er die Löhne italienischer Arbeiter transferierte, fehlten etwa dreitausendachthundert Mark. Er war nicht in der Lage, eine Aufklärung darüber zu geben, wohin diese Summe geraten war, und wurde unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Gesetzesparagraphen als Volksschädling zu der oben erwähnten Strafe verurteilt. Am Tage nach der Verhandlung besuchte ihn seine Frau und fragte ihn, ob denn für den Betrag von drei­tausendachthundert Mark, die er im Dezember des Vorjahres für Fahrkarten zur Heimreise einer Gruppe von Italienern aus der Kasse verlegt habe, ein Gegenposten da sei. In diesem Augenblick war ihm klar geworden, daß dieser Betrag von der Firma fälschlich an die Arbeiter unmittelbar rückvergütet und von ihm nicht verbucht worden war. Aber die Wiederauf­nahme des Verfahrens war ein schweres Stück Arbeit. Er brauchte dazu einen Anwalt, und seine finanzielle Lage war infolge der langen Untersuchungshaft so schwierig geworden, daß seine Frau mit ihren fünf unversorgten Kindern sich eben noch über Wasser halten konnte. Sie hatte die Mittel nicht, einen Anwalt mit der Wahrnehmung der Interessen ihres Man­nes zu beauftragen.

,, Ich kann Ihnen vielleicht helfen", sagte ich. Mein An­walt wird in den nächsten Tagen zu mir kommen, und bei der Gelegenheit werde ich in diesem Sinne mit ihm sprechen."

Schneider, das stellte sich immer mehr heraus, war ein stiller Mitbewohner. Er sprach nicht viel. Abends erzählte er kleine Geschichten aus seinem Leben. Fünf Jahre lang war er als Angestellter der Woermann- Linie in Deutsch- Ostafrika ge=

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