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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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ich Ihnen auch verraten, was für Bücher ich nie geliebt und nie, auch nicht aus kindlicher Freude am Besitz, gesammelt habe: Werke der sogenannten deutschen Philosophie. Die Phi­losophen eler letzten hundertfünfzig Jahre, Kant eingeschlossen, haben sich vom wirklichen Leben bis zur Unverständlichkeit ihrer Sprache entfernt. Damit haben sie sich aller Wirkensmög lichkeit beraubt und sind zum Gespött ihrer selbst geworden. Ueberhaupt die europäische Philosophie ist viel zu sehr die Funktion von Sprachen, deren Entwicklung unter dem Ein­fluß einer Macht steht, die man als den Indoeuropäischen Fluch bezeichnen möchte: dem ewigen Drange zur Vermensch­lichung allen Geschehens. Wir öffnen den Mund, und jeder Satz, den wir sprechen, ist ein unheimliches Gewebe von Wahn­vorstellungen. Jedem Ding legen wir menschliches Geschlecht bei. Jedes Abstraktum vollführt Handlungen wie ein lebendes Wesen. Jeder Satz hat ein Subjekt, das etwas tut, auch wenn es gar nichts tun kann; ein Objekt, dem es getan wird, ein Verb, das diese Tätigkeit ausübt. Jeder unserer Sätze vermenschlicht jedes Geschehen. Wenn wir einmal unehrerbietig zusehen, wo­hin uns diese Schwäche unserer Sprache auf dem Gebiete der reinen Erkenntnis geführt hat, so finden wir zu unserm Ent­setzen, daß die ganze europäische Philosophie von Platon bis Schopenhauer über zwei Jahrtausende hinweg mit den Wasser­stiefeln der Naivität im Sumpfe des Vermenschlichungswahns um sich selbst herum gewatet ist. Klare philosophische Ge­danken kann man wohl überhaupt nur im Altchinesischen finden, etwa bei Lao- Tse , der im sechsten Jahrhundert vor der Zeitwende lebte, und der in 81 Sprüchen mehr Weisheit nieder­gelegt hat als unsere moderne Philosophie in 81 Bänden. Auf dem Gebiete der Poesie freilich hat diese Sprache Großes ge geben. An einem einzigen Altersroman von Wilhelm Raabe geht Ihnen mit unheimlicher Klarheit auf, daß unsere deutsche Philosophie nichts anderes ist als der systematische Mißbrauch einer eigens zu diesem Zwecke erfundenen Terminologie."

Ich griff lächelnd zum, Willen zur Macht', den mir der ver­staubte Oberlehrer in die Zelle geschickt hatte, und blätterte darin. Mein neuer Freund aber nahm mir mit sanfter, doch zwingender Bewegung das Buch aus der Hand, klappte es zu und legte es auf das Regal zurück.

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