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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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den. Nun kommt er in die Hinrichtungszelle. Das geht da drü­ben wie am laufenden Bande mit den Todesurteilen. Ist das nun Angst oder Mittelalter?' Der junge Mensch stand al­

lein vor einer Zelle und wartete auf den Schließer. Er machte den Eindruck eines völlig Gleichgültigen. Dieser Anblick war es, ich gestehe es offen, der mich für heute appetitlos ge macht hat."

,, Sie lassen hier keine Mahlzeit aus", bemerkte ich sachlich. ,, Man kocht übrigens schmackhaft in diesem Hause, nur eben

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man gibt zu wenig. Junge Menschen unterhalten sich hier von nichts anderem als von Schlachtfesten, Kirmesschmäusen und ähnlichen Höhepunkten des Familienlebens vergangener Tage. Beflügelung der Phantasie durch Hungerdelirien, das ist der dichterische Sporn der Poeten dieses Hauses."

Des Alten Blick fiel auf die drei schmalen Hebelbändchen, die neben meiner Eßschüssel im Wandbrett lagen. Er nahm einen Band und blätterte versonnen darin.

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,, Ich habe immer Bücher gesammelt, auch solche, deren Spra­che ich nicht oder nur ungenügend verstand. Finden Sie das befremdlich einen, Hamlet ' in lettischer Sprache zu lieben? Aber da spielt Unwägbares hinein. Der Druck; die Hand des­sen, der dem Buche das Gewand lieh. Sie glauben nicht welcher Wundertaten ein Buchbinder fähig sein kann."

Ich nickte. Wie sollte ich, der ich selber in meinen Muße stunden in diesem Handwerk pfuschte, nicht um die Schönheit, die Pracht, die Schlichtheit, das aufdringliche Sich- zur- Schau­Stellen und die kühle Sachlichkeit eines Bucheinbandes wissen? Wir sprachen eine Weile über dieses Thema. ,, Dichter sind Priester der Schönheit und der Wahrheit", bemerkte ich ab­schließend ,,, und das Gewand, in dem sie vor uns hintreten, übt eine tiefe Wirkung auf unser empfangsbereites Gemüt. Es predigt uns den steten Wechsel der Ansichten über Gott, Welt und Schicksal. Es lebt, wo der Gedanke des Tages dahin­stirbt."

Der Alte schien belebt von diesem Gedanken.

,, Sie sprechen aus, was ich oft schon gedacht habe. Auch ich habe an schönen Büchern viel Freude gehabt in meinem Le­ben. Dabei habe ich nur Bücher gesammelt, deren Inhalt für mich eine besondere Bedeutung hatte, besonders dann,

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