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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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hartes Los; aber es schloß in sich die Hoffnung auf die Er­haltung des Lebens...

Der 20. Januar brachte die Meldung von der Kapitulation der Reste der sechsten Armee. Gefangenenzahlen wurden nicht bekanntgegeben.

Der Januar neigte sich seinem Ende entgegen.

Ein seltsames Raunen sprang in diesen Tagen im Gefäng nis auf. Während des täglichen Rundganges im Hofe wurden flüsternd Gerüchte weitergegeben und willig geglaubt. Am 30. Januar, dem zehnten Jahrestage der Machtübernahme werde Hitler eine umfassende Amnestie verkünden. Am kom menden Sonnabend werde die reichliche Hälfte der Gefan genen entlassen. Diesmal sei es nicht nur eine ,, Radfahrer ohne- Licht- Amnestie". Bis zu zwei Jahren sei Straferlaẞ vor­gesehen, und der größte Teil der schwebenden Untersuchun gen werde niedergeschlagen.

In den Zellen wurde die kommende Amnestie lebhaft und hoffnungsfroh erörtert. Auch die Wachtmeister wollten etwas davon gehört haben. Drüben auf dem Gerichte bereite man schon alles dafür vor. Nur der Tütenmeister blieb skeptisch. ,, Jede Amnestie ist eine Schwäche. der Regierung", sagte er murmelnd mit einem schiefen Blick über den Rand seiner Nickelbrille hinweg zu mir, indem er vorsichtig nach dem Kalfaktor schielte, der ihm den Leimtopf nachtrug. ,, So steht es in, Mein Kampf ' zu lesen, und von diesem Grundsatz wird sich Hitler nicht entfernen. Vielleicht werden ein paar schwe­bende Verfahren niedergeschlagen. Politische Fälle sind be­stimmt nicht darunter. Die Leute kriegen nach wie vor ihren Knast. Das Sondergericht fährt fort, nach den Paragraphen eins und zwei des Heimtückegesetzes zu wüten. Kein Gedanke an eine Amnestie größeren Stils!"

Ich hätte gern darüber einmal die Meinung meines Anwalts gehört. Aber Dr. Burck war für ein paar Tage verreist. Nie mand besuchte mich in meiner Einsamkeit.

Die Heiligen drei Könige.

Moschinski, der freundliche Thüringer, wurde am 3. Februar entlassen. Die zwei Pfund Wurst und das Pfund Speck, die er

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