kämpfte die sechste Armee einen aussichtslosen Todeskampf und mein Sohn war bei dieser Armee... Am 14. Dezem ber hatte ich ihn ja noch im Gebäude der Gestapo gespro chen. Er war wenige Tage später zur Truppe zurückgekehrt. War er noch bis nach Stalingrad gekommen oder war da mals vielleicht die Verbindung mit der sechsten Armee schon unterbrochen gewesen?...
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Ich wagte nicht, in dem Briefe, den ich allwöchentlich an meine Frau schrieb, dieses Umstandes Erwähnung zu tun, und meine Frau wohl in der Annahme, daß mir im Gefängnis eine Zeitung nicht zugänglich sei unterließ dies gleichfalls. Wieder mußte ich an Stifters schönes Wort von der alternden Gattin denken. Sie trug ihren Kummer und ihre Sorgen allein. Freunde waren um sie, gewiß. Männer und Frauen mit warmem Herzen und wachem Verstande. Aber der, dem sie rückhaltlos sich anzuvertrauen gewöhnt war, der war nicht bei ihr...
Nun verschaffte ich mir doch täglich eine Zeitung, und ich las sogar die heroischen Schilderungen der Kriegsberichter von Goebbels Gnaden, die von diesen Kämpfen ihre Heldenlieder sangen. Ich war schließlich selber lange genug im Kriege gewesen, um zu wissen, was für Szenen sich beim Zusammen drängen einer ganzen Armee auf den Raum einer zerschossenen Stadt abspielen mußten. Geschütze ohne Bespannung wurden durch vereistes Gelände von Menschenhand bewegt, Geschütze, die doch einmal ausfallen, weil keine Munition mehr da ist. Verwundete, die im schneidenden Frost zurückgelassen werden müssen, Verbandsplätze, auf denen hilflose Schwestern ihre Pflicht tun, solange sie sich in Uebermüdung und Schwäche aufrechterhalten zuletzt die völlige Gleichder Tod gültigkeit gegen alles menschliche Geschehen
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unter dem Kolbenschlag eines wutrasenden Feindes. Das war der erste Eindruck dieser Nachrichten auf mich. Dann wurde mein Gemüt ruhiger. Leise Hoffnung flammte in mir auf. Eine ganze Armee konnte man schließlich nicht einfach hinmorden lassen. Entschließungen würden gefaßt werden müssen schweren Herzens. Aber die Notwendigkeit solcher Entschließungen war nicht von der Hand zu weisen. Ein großer Teil der Armee würde in Gefangenschaft wandern. Ein
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