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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, Ach gehen Sie mir doch weg mit diesem textkritischen Firlefanz!" meinte der Pfarrer milde. ,, Wer spricht heute noch von Roberts und Drews. Wir haben uns zur Ueberlieferung zurückgefunden. Wer sich im Gestrüpp dieser sogenannten Wissenschaft verliert, der wird zuletzt gar an der göttlich menschlichen Persönlichkeit des Erlösers irre. Hat Jesus gelebt? Ich weiß es nicht. Aber daß er für mich gestorben ist, daß er auferstanden und am dritten Tage aufgefahren ist gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten: das weiß ich ganz gewiß! Lernen Sie kindlich denken, lieber Mitbruder in Christo, und Sie werden die Ruhe der Seele finden, die Sie in diesem Hause brauchen."

Er hieß mich in die Zelle treten und schloß eigenhändig die Tür mit dem Hauptschlüssel hinter mir zu.

,, Ein schöner Pastor!" knurrte Moschinski. ,, Er hat dich genau so eingeschlossen, wie das die andern auch machen. Wenn ich hier Pastor wäre, ich nähme mir einen Wachtmei ster mit und ließe von ihm öffnen und schließen. Sowas ge­hört einfach nicht zu einem solchen Amte!" Moschinski gur­gelte mit Kamillentee, den der Zahnarzt ihm verordnet hatte, Er war in denkbar schlechter Laune. ,, Zehn Tage hab' ich nun weg", fügte er hinzu, indem er den Rest des Tees in den Abort schüttete, genau ein Drittel der Strafe. Ich weiß wenigstens, wenn ich wieder' rauskomme. Das ist immerhin tröstlich. Hab' ich dir das Ding mit den Telegrafenstangen mal erzählt?" Ich verneinte.

,, Das Ding is gut! Da lernt' ich mal einen jungen Kerl kennen, der war richtig. Schlank, elegant, gut angezogen, so trat er in die Dorfschenke von Burkersdorf und setzte sich mit freundlichem Gruß zum Herrn Postverwalter an den Tisch. Er sei Postinspektor in Erfurt , so erzählte er. Die beiden kamen bald ins Gespräch über allerlei Fachfragen, und schließ­lich redeten sie über den Telegrafendienst zwischen Auma und Triptis , der im Winter des öfteren durch Schneeverwehungen lahmgelegt war, Na, die Sache wird ja nun bald ein Ende haben, sagte der Herr Postinspektor wie nebenher., Wenn erst die neuen Masten gesetzt sind, kommt alles in Ordnung! Der Herr Postverwalter wußte davon noch nichts., Auch so eine Bummelei', tadelte der Elegante., Die Sache liegt schon vierzehn

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