Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen

errichtet in der Ofenecke ihres Speisezimmers. Dort steht sein Bild in der schlichten Haltung des bescheidenen, sachlichen Redners, der durch die Wucht seiner Wahrheiten die Massen in seinen Bann zwingt. Wenn wir in das Zimmer treten, blei ben wir einen Augenblick in tiefer Ergriffenheit vor diesem Bilde stehen, und unsere Gefühle eilen des Führers Zielen voraus in ein glückliches, siegreiches Großdeutschland."

War der Staatsanwalt wirklich so dumm, diese Briefe ernst zu nehmen? Oder war er geneigt, sich so dumm zu stellen und diesen Kohl zu glauben? Ich sagte: ,, Am Ende ist es besser, Sie lassen diese Briefe aus dem Spiel!"

,, Wo denken Sie hin!" meinte der Anwalt. ,, Ich sagte Ihnen doch schon: sie sind Goldes wert. Nein sie werden in der Verhandlung eine wichtige Rolle spielen!"

--

Als ich zurückkehrte in meine Zelle, fiel mir der evange lisch- katholische Schmutzfink erschreckend auf die Seele. Ein Wort des alten griechischen Komödiendichters Menander fiel mir ein: Der Mensch ist an sich ein hinreichender Grund zur Traurigkeit!' Welch eine tiefe Weisheit! Ich hatte es bisher immer nicht so recht glauben wollen. Jetzt wußte ich: Menan der hat recht!

*

Bisher hatte ich mich nicht am täglichen Rundgang im Ge­fängnishofe beteiligt. Moschinski überredete mich dazu. ,, Du mußt ein halbes Stündchen Luft haben", sagte er, ,, und Menschen lernst du auch kennen."

-

-

-

Ja ich umfaßte Gestalten und Gesichter mit prüfendem Blick. Was ich sah, war entmutigend. Beim Rasieren oder beim Herausstellen der Wasserkrüge wurde ich von dem und jenem im Flüstertone hastig angesprochen. Wie lange schon hier? Warum? Diebstahl: Ein Gummimantel. Ein Pfund Bohnen­kaffee. Unterschlagung: Schwerarbeiter- Brotkarten zum Bei­spiel. Da war ein Posthelfer, der Päckchen entwendet, ein Friseur, der französische Seife zu Ueberpreisen verkauft hatte; ein Schauspieler, verhaftet wegen dunkler Beziehungen zu einem Schauspielschüler; ein Viehhändler, der in der Trun kenheit auf die Partei geschimpft hat; ein Fliegerhauptmann, zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt wegen Widersetzlichkeit; ein Spediteur, angeklagt nach dem Heimtückegesetz gleich mir; Polen , Franzosen , Serben und Kroaten wegen Arbeits­

76