mich; weiß, weshalb ich hier gesessen habe und hat mir an- geboten, mich sofort einzustellen, wenn ich"rauskomme. Ich bürge für dich. Du kannst als Werkschreiber jederzeit dort unterkommen. Die Ingenieure sind fast alles Deutsche. Mensch, das ist ein Leben— und du kommst aus diesem muffigen Lande raus, wo dir auf Schritt und Tritt angehängt wird, daß du mal im Knast gesessen hast!
Das war ja nun gleich mein Fall. Ich fahre also nach Hai- dar-Pascha hinüber und stelle mich bei der Schwedisch-Türkis schen vor. Aber natürlich könnten die einen so fixen Kerl wie mich brauchen. Herr Buchmann habe schon von mir gespro- chen. Sei draußen an der Linie, und ich könne schon morgen nachfahren und in seinem Bauabschnitt antreten.
Buchmann freute sich riesig, als ich ankam, und die übrigen Herren auch. Ich kriegte gleich zwei Säcke mit fünfundsiebzig- tausend Türkischen Pfunden in die Hand gedrückt zur Lohn- zahlung an die Streckenarbeiter, und bereits am nächsten Tage war ich mit einem hübschen Hengst, zwei Packeseln und einem Türkenjungen unterwegs.“
Es stellt sich heraus, daß ein Leben ohne Frau in der Einsam- keit der wilden und schönen Berglandschaft Anatoliens ein Unding ist. Kurt nimmt einen kurzen Urlaub, fährt nach Dres- den zurück. und holt sich seine Braut, die treu auf ihn ge- wartet hat. Mit ihr zusammen baut er in der Nähe der Bahn- strecke eine Art ‚Kasino für die Beamten und Ingenieure der Gesellschaft auf,‘das bei jeder Verlegung des Bauabschnittes mitwandert. Wenn er vom Leben in diesem Lande spricht, wird er ordentlich weich. Vom Reichtum der Berge an Erzen erzählt er, vom Fischfang in klaren, raschfließenden Gewässern, von der Jagd auf wilde Schweine, von den Sitten und Gebräu- chen des türkischen Landvolkes, von dem kleinen Töchterchen, das ihm geboren wird, von seinen Hunden, Pferden, Eseln, Enten, Hühnern, von Butter, Eiern und Früchten, von Freund schaft und Kameradschaft, von wilden Leidenschaften und Gefahren. Zwölf Jahre lebt er in diesem Lande, erlernt seine Sprache, verbringt jeden Urlaub in Stambul , hat auch dort viele Freunde und Bekannte.
Dann trifft ihn der schwerste Schlag seines Lebens: das elfjährige Töchterchen wird von einem jungen Hengst, den er
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