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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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und Haltung der Menschen nach, von denen er berichtete. Ein Wort, ein Klang, ein Geruch weckte Erinnerungen in ihm, und dann flossen die Sätze aus seinem Munde wie die heiligen Wasser des Jordan in die Sektflaschen der griechi­schen Mönche, von denen er so gern erzählte, weil sie so gute Geschäftemacher gewesen waren.

Apostel war der einzige Junge eines Dresdner Obstgroßhänd lers. Auf die drei Mädel, die noch hinterdrein gekommen waren, hatte der stolze Vater keinen gesteigerten Wert gelegt.

,, Mehrfach fruchtlos gepfändet. Mein Alter nämlich. Was für einen Obsthändler der Dresdner Großmarkthalle immerhin etwas Bemerkenswertes ist. Hatte es zu was gebracht. Sieben Häuser in der Gegend der Vogelwiese. Aber er war eben eine Spielratte. Pokerte. Auch mal' ne kleine Tante mit oder Sieb­zehn und viere dazwischen, wenn sich niemand fand, der eine Bank aufmachen wollte. Nach dem Mittagessen ging er ins Kaffeehaus und kam vor Mitternacht nicht mehr nach Hause. Das hab ich übrigens von ihm geerbt. Es muß doch was dran sein an dem Gequassel von der Erbmasse un so. Findest du nich auch? Jedenfalls konnt' ich schon mit zehn Jahren eine Volte schlagen, die sich gewaschen hatte, und mit zwölfen dem Nachbar zur Rechten, mit dem ich Kippe machte, ein Grand mischen."

Die Mutter hat den Ehrgeiz, ihren Einzigen wenigstens bis zum Einjährigen zu bringen. Er wird in eine teure Privat­schule gesteckt. Aber er streckt vor den unregelmäßigen französischen Verben die Waffen, verzichtet auf alle Lor­beeren der Wissenschaft. und brennt durch.

,, Mensch, war das ein Betrieb in dem Laden. Geld hatten die Jungen alle, und willige Mädchen gab's damals in Dresden wie Sand am Meer. Als ich zwölf Jahre alt war, haben sie mich in die Lehre genommen. Ich war damals schon einer der besten Billardspieler. Lag ja den ganzen Tag auf dem Brett; und mit der Bilderkarte war ich sozusagen verheiratet. Ich kann nich begreifen, daß die Danziger und Altenburger Spielkartenfabriken ihre Platten nicht einmal ändern. Buben, Asse, Damen und Könige sind immer noch so beschnitten, daß man am Rastermuster erkennt, was auf der Vorderseite für ein Bild ist... Also mit der Schule, da hatt' ich bald die Nase voll und sagte zu Alfred Mitterwurzer, was der Junge

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