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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Bitte!" Er griff in die Westentasche und brachte eine Schachtel Kautabak heraus. ,, Den hab ich drüben von einem Wacht­meister gekriegt für meine Doublé- Manschettenknöpfe. Noch gute Ware. Bitte!"

Ich griff zögernd zu. Es war das erste Stück Priem, das ich in den Mund brachte, und es schmeckte abscheulich. Aber nach einiger Zeit fühlte ich doch, wie das Rauchbedürfnis ab­ebbte.

Dann also begann Apostel seinen systematischen Unter richt im Tütenkleben.

..Erster Gang: Die Tüte wird gefüttert!" Er faltete die grauen Einlagebogen geschickt auseinander, strich die Ränder liebevoll mit Kleister ein und legte sie mit einer Geschwindig keit und Sicherheit auf, die meine Bewunderung erregten. ,, Zweiter Gang: Der Schlauch wird gebrochen und geklebt!" Ein sicheres Falzen an der durch eine Strichmarke gezeich neten Stelle, ein Umdrücken des Kleisterrandes, und der Tüten­schlauch war fertig.

..Dritter Gang: Der Boden wird gebrochen!" Ein Eine schlagen des Schlauches, ein Oeffnen des umgebrochenen Tei­les nach zwei Seiten, ein Aufziehen der Oeffnung zum Drei­ecksbruch, und das Werk war getan.

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Die um

Vierter Gang: Verkleben und Bodenaufsetzen!" brochenen Dreiecke wurden zum Verschluß umgelegt, mit Kleister geschlossen, und zuletzt wurde ein rechteckiges Boden­blatt aufgelegt und angedrückt.

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Wenn uns die verfluchten Kannibalen nicht die Uhr weg­genommen hätten, dann macht' ich dir das alles ein Hand in- Hand- Arbeiten natürlich vorausgesetzt in fünfzig Se kunden vor. Für tausend Tüten kriegst du vierzig Pfennige. Nun rechne dir aus, was ein geschickter Arbeiter in zehnstün diger Arbeitszeit am Tage verdient. Allerhand Geld, was? Die ersten zehn Jahre bringst du es natürlich noch nicht so fix; aber dann hast du den Bogen raus."

Nach und nach kleckerte der Apostel sein ganzes Leben in den Tütenkleister. Er erzählte episodisch, nahm es wohl auch hie und da mit der Wahrheit nicht so genau, wie man dies etwa von einem Historiker erwartet. Aber er erzählte leben­dig, farbig, unterstrich seine Worte durch sprechende Gesten und ahmte mit natürlichem schauspielerischem Talent Tonfall

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