Ich wußte: der alte Herr würde jetzt das Protokoll dem Staatsanwalt vorlegen, der darüber befinden würde, ob er den Haft befehl gegen mich erließ oder meine Freilassung verfügte. Merkwürdig: Ich wünschte mir in diesem Augenblicke beinahe den Haftbefehl! Auf freien Fuß würde ich ja doch nicht kommen! Die Gestapo würde mich zurück ins Polizeigefängnis bringen, und vor diesem Gebäude hatte ich ein leichtes Grauen bekommen.
Für kurze Augenblicke blitzte auch der Gedanke an Flucht durch mein Hirn und ich mußte sofort selber über diesen Gedanken lächeln. Natürlich hätte ich jetzt aufspringen, zur Tür hinauslaufen und den Ausgang des Landgerichts gewinnen können. Die Stenotypistin, die gelangweilt auf die Tasten ihrer Maschine starrte, hätte mich gewiß nicht daran gehin dert. Aber- wohin sollte ich fliehen? Für einen Mann meines Standes und Alters gab es in Deutschland der Lebensmittel karten und der polizeilichen Anmeldung selbst im kleinsten Orte einfach keine Möglichkeit, auch nur einige Wochen un entdeckt zu bleiben. Und wenn ich floh wäre das nicht ein Geständnis meiner Schuld gewesen? Lächerlich! In Wahrheit lächerlich war der Gedanke an Flucht!
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Dann kam der alte Herr zurück.
,, Ich habe Ihnen mitzuteilen, daß die Staatsanwaltschaft Ihre Verhaftung verfügt hat", sagte er trocken.„ Wünschen Sie eine Abschrift des Haftbefehls?"
Ja." ,, Bitte
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mit zwei Durchschlägen!" wendete er sich an die Stenotypistin, die nach wie vor mit unbeteiligtem Gesichte vor sich hinstarrte. Dann diktierte er:
,, 147 Gs 750/42.
Der am 15. März 1884 zu Leipzig geborene Studien direktor Johannes Berbig ist in Untersuchungshaft zu bringen. Er ist dringend verdächtig, am 25. November 1942 im Caféhaus Felsche gegenüber dem Unteroffizier Herbert Fink vorsätz lich unwahre Behauptungen tatsächlicher Art, die geeignet sind, das Wohl des Reiches und der NSDAP., über ihre Anordnun gen und die von ihnen geschaffenen Einrichtungen bösartige, gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Aeußerungen, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben, und bei denen er damit
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