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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Er zwinkerte mich vertraulich an, bewegte die Hand in freundlich grüßender Geste und verschwand.

Kurze Zeit darnach tat sich die Tür abermals auf.

,, Bücher' reinnehmen!"

Schon war die Tür wieder zu. Neugierig entfernte ich den Verschlußstreifen, der um die beiden Bände gelegt war, und fand: Nietzsches ,, Wille zur Macht", The treasure Island" von Stefanson in einer älteren englischen Ausgabe, und Seeleys Vorlesungen über ,, The expansion of England" in einer Schul­ausgabe. Mit der Schatzinsel begann ich und las mich fest, bis das Licht weggenommen wurde. Das war um acht Uhr. Um sechs in der Frühe würde die Glocke ertönen zum Wecken. Zehn vollgemessene Stunden Schlaf stehen dem Untersuchungs gefangenen zu.

,, Rechtshilfe."

Ich mußte erst ein wenig rechnen, als ich vom Glocken schlage geweckt wurde. Am 12. Dezember war ich im Café Felsche verhaftet worden; heute schrieb man also den 16. und es war Mittwoch. Hatte nicht Fritz, mein Aeltester, an diesem Tage von Köln her auf Urlaub kommen wollen? Schön, da hatte die Mutter wenigstens jemanden im Hause, der sie ein wenig trösten konnte. Hans war inzwischen wahrscheinlich wieder abgereist. Aber mit Fritz kam Kläre, seine lustige Frau, und die kleine Petra, das Enkelkind. Da war Leben in der Bude!

Um neun Uhr wurde ich vor Gericht geführt.

Ueber steile Treppen und lange Korridore ging es hinauf zu jenem eisernen Tor, das den Eingang zum Landgericht bil­det. Drüben übernahm mich gegen Abgabequittung ein Justiz beamter und führte mich in ein Zimmer, über dessen Tür die trostreiche Inschrift ,, Rechtshilfe" prangte. Hier empfing mich! ein betagter Gerichtsrat und bot mir höflich einen Stuhl an Er ließ sich den Hergang der ganzen verteufelten Geschichte noch einmal erzählen, diktierte den Hauptinhalt meiner Erzäh lung einer Stenotypistin in die Maschine und ließ dieses Pro tokoll von mir unterschreiben. Dann verschwand er für eine geraume Weile, und ich harrte schweigend seiner Rückkehr.

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