Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
34
Einzelbild herunterladen

wie mangelhaft ich bekleidet war. Innerlich mußte ich lachen. Richter, der unsittliche Hilfspolizist, war sich sicherlich in seinem Netzhemd nicht so unbekleidet vorgekommen wie ich in diesem Augenblick, als ihm die moralisch so empfindliche Offiziersfrau sein halbes Jahr Gefängnis verpaßte.

Am Ausgang der Kolonadenstraße, dort, wo mein alter Antiquar seinen gebrechlichen Bücherschuppen in einem ver> winkeltem Hofe hielt, verließ ich mit dem Kommissar die Stra- ßenbahn und betrat über eine eiserne Wendeltreppe das Ges bäude der Geheimen Staatspolizei.

War das ein merkwürdiges Haus! Rohe Holztische, klapprige Stühle, Tabaksqualm, in jedem Zimmer der abgewohnten Fa- milienetage eine altersschwache Schreibmaschine, Telefon- gespräche, die stets mit den Worten beginnen: ‚Hier Geheime Staatspolizeil'(Wieviel Nervensubstanz mag diese Formel wohl verbrauchen in denen, die eingeladen werden, sich ‚zwecks Befragung in diesem Hause einzufinden!) Stenotypistinnen, die die Mittagspause dazu benutzen, sich mit ihrem Freunde über ihre Gefühle am gestrigen Abend zu unterhalten, mit an die kahlen Wände verschwendetem Lächeln und einer Seufzer- akustik, die der Draht willig überträgt Kommissare, die flus chend nach einem Aktenstück suchen.

Hier warten Siel sagte Lange und ich blieb zunächst einmal eine Stunde allein.

Dann erschien ein hochgewachsener Mann mit verschlosser nem Gesicht, stellte sich in seiner ganzen Größe vor mir auf und sagte:

Sie sind also der Mann, der sich im Cafe Felsche einmal ganz gehörig ausgemeckert hat!

Ton und Miene dieses Mannes waren verletzend. Ich blieb ruhig sitzen und sagte:

Sie irren sich. Bitte lesen Sie das Protokoll, das ich unter» schrieben habe, genauer durch! Aber ich bereute den ab- lehnenden Ton alsbald. Das Gesicht des Mannes kam mir plötz» lich bekannt vor. Wo war ich ihm nur schon begegnet? Und dann überfiel mich eine Erinnerung. Eine ‚kleine Wohnstube sah ich vor mir, eine Frau, ein Kind im Sportwagen, den, Mann auf der Ofenbank, einen zärtlichen Blick auf das Kind gerichtet, und ich hörte die Worte meines Freundes Hamann:

34