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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Staatsanwalt das Verfahren überhaupt eröffnet. Man nennt das, schmoren lassen"."

,, Und wenn er kein Verfahren eröffnet?"

Berger legte seine Stirn in besorgte Falten.

,, Dann gibt dich die Staatsanwaltschaft hierher zurück, und die Akten gehen nach Berlin an das Reichssicherheitsamt. Ehe die zurückkommen, dauert's eine Weile. Drei bis vier Mo­nate gewöhnlich. Möglicherweise verfügt man von Berlin aus einen Lageraufenthalt zwecks politischer Erziehung. Es heißt zwar, Männer über fünfzig nehmen sie in Buchenwald nicht mehr an, aber vielleicht heißt es auch nur so."

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Ich war offengestanden ein wenig verwirrt durch diese Prognose.

,, Dann wäre es also wohl das Günstigste für mich, soweit ich sehe, der Staatsanwalt erhöbe Anklage gegen mich. Dann säße ich bis zur Verhandlung, sagen wir bis April, im Unter suchungsgefängnis, wo es ja wohl besser sein soll als hier im Polizeigefängnis, und nachher werde ich verurteilt, wenn dieser Unteroffizier nämlich seine Aussagen beschwört."

,, Dies letztere ist leider sehr wahrscheinlich. Aber so weit soll man nicht denken. Unsere Logik ist eine trügerische An gelegenheit, wenn die Politik in sie hineinspielt. Warte ruhig ab, was weiter geschieht. Halte die Ohren steif auf der Ge stapo. Die fragen manchmal dämlich."

Er hatte sich während unseres Gesprächs umgezogen. Nun reichte er mir freundlich die Hand, klingelte und verließ die Zelle.

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Das Verhör und die vorläufig letzte Nacht

im Polizeigefängnis.

Das Mittagessen bestand wieder aus sehr schlechten Kartof­feln und einer stark mit Heringsmilch gewürzten Salzbrühe. Gegen zwei Uhr wurde ich abermals aus der Zelle geholt.

Lange begleitete mich zur Revisionsstelle, wo ich meine Hosenträger erhielt, merkwürdigerweise aber keinen Schlips. Ich kam mir vor wie nicht richtig angezogen und knöpfte den Mantel bis zum Kragen zu, damit niemand auffallen solllte,

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