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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, Nicht wahr?" lachte er. ,, Ich bin Buchhändler. Gehe jedes Jahr ein paar Wochen in den Frankenwald . Nach und nach lernt man dort die Menschen kennen, Bauern und Arbeiter. Als ihre Kleiderfrage dringend wurde, fragten sie mich, ob ich ihnen nicht einmal alte Hosen, Schürzen und Arbeitsröcke be­sorgen könne. Ich erließ in einer Leipziger Zeitung eine An­zeige und erhielt auch einige Angebote. Das war das Uner­laubte. Das Gericht erblickte in meinem Vorgehen eine ge­werbsmäßige Handlung und verurteilte mich dementsprechend." ,, Und wie kommt es, daß Sie in diesem Hause aus- und eingehen können wie ein Fürst?"

Er lachte vergnüglich.

,, Sie meinen, weil ich jede Zellentür sprengen kann? Ja, das ist mit ein paar Worten nicht zu erklären. Es gibt Dinge, über die man am besten nicht spricht in diesem Hause. Ich war ein paar Jahre in Südfrankreich und spreche gut französisch. Nun sind hier im Hause; öfter französische Gäste, und obwohl jeder von denen, die drüben im Präsidium sitzen, die französische Schulbank gedrückt hat, ist doch keiner unter ihnen, der einer französisch geführten Unterhaltung folgen kann. Einen sol­chen Mann braucht man eben doch ganz notwendig. Nun ist es natürlich allen Gefangenen verboten, zu dolmetschen. Aber na ja, ich bin tagsüber drüben und bewege mich als freier Mann, und in der Gefängniszelle wohne ich, zum Waschen und Umziehen. Zum Schlafen hab' ich das Bett im Arztzim­mer. Manchmal esse ich auch hier. Was führt Sie in diese schauderhafte Umgebung?"

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Ich erzählte kurz, was mir passiert war, und Berger zog ein ernsthaftes Gesicht.

,, Sie können sich auf gar nichts besinnen?"

,, Auf nichts."

,, Wer führt die Untersuchung?"

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, Genau weiß ich das noch nicht. Man nannte den Namen Lange."

,, Beschreiben Sie mir den Mann, der Sie verhaftet hat." Ich tat mein Bestes, den Mann zu zeichnen, der mich hier­her gebracht hatte, und bemerkte dabei, wie schwer es ist, einen Menschen zu beschreiben, den man nur flüchtig betrach tet hat. Aber meine Schilderung genügte Berger vollkommen.

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