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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, 78, B wie Berta

zur Vernehmung."

,, Kommt!" rief die Frauenstimme. Wenige Minuten später kam über die Wendeltreppe herunter ein junges Mädchen und stellte sich neben mich.

,, Politisch?" flüsterte sie, ohne mir das Gesicht zuzuwenden. Noch nicht so recht vertraut mit den Sitten und Gebräuchen dieses Hauses drehte ich mich zu ihr um.

,, Sie haben nichts zu sprechen, Sie da!" herrschte mich der Beamte vom Schreibtisch her an. ,, Halten Sie die Nase gerade­aus!"

,, Die Zellen 56 bis 70 haben Mikrophon! Vorsicht!" flüsterte das Mädchen abermals und blickte dazu gelangweilt auf seine Lackschuhe.

,, Danke!" sagte ich nach einer Weile ebenso leise. Warum hatte ich mich eigentlich bedankt? Merkwürdig war doch im merhin, daß mit einem Male eine Art Solidarität Platz griff zwischen denen, die in die Fänge der Polizei geraten waren. Ich war also auch unter denen, die etwas auf dem Kerbholze hatten, nur wußte ich noch immer nicht, was. Morgen war Sonntag. Da ruhte die irdische Gerechtigkeit aus. Aber am Montag würde ich es sicher erfahren. Daß man sich nicht die Zeit nehmen würde, mich heute noch zu vernehmen, darüber war ich mir inzwischen klar geworden.

Ueber dem breiten Schreibtische zerhackte eine Uhr mit aus­druckslosem Gesicht das Sonnenjahr in einhundertdreißig Mil­lionen fünfhundertsiebenundfünfzigtausend Sekunden, unpartei­isch und unbestechlich, wie das deutsche Recht das Leben derer zerhackte, die zwischen seine Zahnräder geraten waren. Ein Blick in ihr krankhaft blasses Zifferblatt belehrte den Gefangenen, dem man die Uhr abgenommen hatte, daß die Weltgeschichte nicht stillstehe, und das war für viele ein Trost. Das Mädchen mochte meinen Blick auf die Uhr beobachtet haben. Es flüsterte: Die Uhr geht richtig, nur die Polizei geht vierhundert Jahre nach. Schönstes Mittelalter hier! Na, vielleicht geht's uns in einem andern Leben mal besser!"

,, Ich halte nicht viel von Seelenwanderung", flüsterte ich zurück. ,, Man verbessert sich selten beim Umzug."

,, Maul halten!" dröhnte die barsche Stimme vom Schreib­tisch her. ,, Fünf Schritt nach links treten, das Mädchen.

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