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Guten Tag, Genosse Kreibel." Er streckt ihm die Hand hin. ,, Ich habe schon immer gehofft, dich zu treffen. Ich weiß seit langem, daß du draußen bist, wollte aber du weißt ja nicht zu dir raufkommen."
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Kreibel weiß nun auch, wer das ist, und es verschlägt ihm die Sprache vor Erstaunen. Bollert ist es, ein Funktionär des Metallarbeiterverbandes. Diese überschwengliche Begrüßung. Vor zwei Jahren hat er ihn noch in einer Versammlung wild beschimpft, hat ihn einen kommunistischen Strolch" und" unverantwortlichen Hetzer" genannt. Vorsicht, der führt vielleicht übles im Schilde.
Bollert, ein mittelgroßer, stämmiger Arbeiter, begleitet Kreibel und flüstert ihm Neuigkeiten zu.
,, Hast du von dem Flugblatt bei Calmon gehört?"
Kreibel schüttelt den Kopf.
,, Nicht? Ganz tolle Sache. Großartig gemacht. Unsere Genossen sind so auf'm Draht, sag' ich dir!" Unsere Genossen? Kreibel schweigt.
,, Und alles wegen eines Witzes. Also da arbeitet bei Calmon ein Packer mit Namen Karl Endrusch. Ich kenn' ihn, früher war er Mitglied der SPD . Seit der Hitlergeschichte hält er sich zurück. Also der macht einen Witz über Röhm. Kannst dir ja denken, was für einen. Davon erfährt die NSBO- Leitung im Betrieb, und der Mann wird wegen Beleidigung eines Reichsministers entlassen. Das war gestern. Heute morgen... bedenke, heute morgen hat plötzlich jeder Arbeiter und jede Arbeiterin im Betrieb ein kleines Flugblatt, unterschrieben von der KPD . Kein Aas weiß, auf welche geheimnisvolle Weise diese Flugblätter in den Betrieb gekommen sind. In diesem Flugblatt wird gefragt, ob dieser perverse Lüstling Röhm es denn wert sei, daß seinetwegen ein alter Arbeiter, der elf Jahre
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