Mitten in der Nacht- beide liegen mit offenen Augen im Dunkeln spricht Kreibel unvermittelt, wie aus dem Traum: ,, Und ich schieß' den Kaufmann dann doch über'n Haufen." Seine Frau streicht ihm sanft über das glühende Gesicht und redet ihm wie einem Kranken zu.
So liegen sie eine ganze Weile schweigend nebeneinander. Er hat seinen Kopf auf ihrer Brust, und sie streicht ihm über die heiße Stirn.
,, Ich werde dem Kaufmann einen Brief schreiben... Warum sollte ein gut aufgesetzter Brief nicht seine Wirkung haben? Jahnke darf nicht hingerichtet werden. Der Junge muß gerettet werden..."
Und Kreibel starrt wieder, wie er es lange Wochen in der Dunkelhaft, lange Monate in der Einzelhaft getan hatte, mit offenen Augen gegen die Decke.
,, Die Genossen haben abgestimmt. Ich war damals noch in Einzelhaft. Und nur einer war für Mißhandlungen; alle andern für schnelles Erschießen. Ist das nicht erschütternd? Du mußt wissen, sie sind fast alle mißhandelt worden. Aber keiner will Rache. Vernichtung, jawohl, aber keine Rache. Ist das nicht erschütternd? Du?"
Seine Frau weiß gar nicht, was er meint. Ihre Augen schwimmen in Tränen, und ihre Hand streicht ihm über die Haare. Auf sein Drängen antwortet sie leise: Ja, Walter, du hast recht!"
Der neue Tag dämmert in den Fenstern, da findet Kreibel endlich Schlaf. Aber selbst im Schlaf findet er keine Ruhe; er wälzt sich von einer Seite auf die andere, stöhnt und ächzt, stammelt abgerissene Worte und wimmert leise, als ob ihn Schmerzen quälten.
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